Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Eingesperrt

Vorarlberg / 17.07.2019 • 07:59 Uhr

„Wenn ich gelogen habe als Kind, hat mich die Mutter in den Keller gesperrt. Ich durfte erst wieder heraus, wenn ich alles zugegeben hatte. Oft hatte ich aber gar nicht gelogen. Dann wartete ich eine Weile, ging zum Schlüsselloch und schrie: Ich gebe alles zu!“ Das erzählte mir eine Freundin. Ich fragte sie: „Und was hast du mit deinen Kindern gemacht, wenn sie gelogen haben?“
„Ich habe ihnen Hausarrest gegeben.“
„Einsperren auf höherem Niveau“, sagte ich. „Deine Kinder werden ihre Kinder einsperren, und deine Großmutter ist eingesperrt worden, und deine Urgroßmutter auch und so weiter. Das hört nie auf.“
„Sei nicht zynisch“, sagte sie.
Sie war lange Jahre in Therapie, hat aber nichts genützt. Sie fragte mich nach meinem traumatischen Erlebnis.
„Ich hatte ein Trauma, als meine Mutter gestorben ist“, sagte ich.
„Und? Hast du es bewältigt?“
“Ich kann den Tod nicht bewältigen. Ich habe angefangen zu schreiben, auf kleine Zettel, auf große Zettel in Hefte, in Tagebücher.“
„Du hast es gut“, sagte meine Freundin, „du kannst es in Literatur verwandeln.“
„Das ist ein Irrtum, Schreiben ist keine Therapie, wirklich schreiben ist schuften.“
Sie schnitt eine Grimasse.
„Was ist dein schönstes Erlebnis?“, fragte ich sie. „Eines an das du noch oft und gern denkst.“

„Sie war lange Jahre in Therapie, hat aber nichts genützt.“

Ohne nachzudenken antwortete sie: „Ich lag mit meinem ersten Freund in der Wiese, vom hohen Gras verdeckt. Wir hörten den Bauer fluchen, weil das Gras niedergetrampelt war. Mein Freund fragte mich: Willst du mich? Ich überlegte, während wir vor dem Bauer davonrannten, was Willst du mich? heißen könnte. Ob: Willst du mich heiraten?“
„Und hat es das bedeutet?“
„Nein“, sagte sie, „wir waren erst vierzehn.“
Wir gingen ein paar Schritte. Sie trug Schuhe mit Absätzen, und als wir den Hang hinaufgingen, ging sie in Strümpfen.
„Und hast du ihn später wieder getroffen?“
„Ein paar Mal, er war schon vierzig und immer noch nicht verheiratet. Ich fragte ihn, ob er nicht daran denke. Ich war damals schon geschieden, und er sah so umwerfend aus, besser noch als früher. Er wolle sich nicht einsperren lassen, sagte er. Ein Freund hat mir erzählt, dass er in Wien mit einem Mann liiert ist. Ich wünsche ihm das Beste.“ Wir saßen am Waldrand, es war Frühling, und meine Freundin sagte: „In die Wiese setzen sollte man sich erst, wenn der Monat kein R mehr hat. Es war März und die Sonne wärmte uns.“
„Weißt du, was mir im Moment eingefallen ist?“, sagte ich. „Eine Werbung im Radio von früher – Vati komm gut nach Hause, bei uns ist es so gemütlich, seit wir die neuen Elite-Möbel aus der Gumpendorfer Straße haben.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.