Der Tod lauert im hohen Gras

Ein kleines Gerät könnte Hunderten Rehkitzen das Leben retten.
Dornbirn Wenn im späten Frühling und im Frühsommer die Mähmaschinen über die Felder rollen, bedeutet das für viele Rehkitze Lebensgefahr. „Ungefähr drei Viertel aller Rehkitze werden von der Geiß im hohen Gras versteckt. Auch bei Gefahr flüchten sie von dort nicht“, unterstreicht Gernot Heigl, Geschäftsführer der Vorarlberger Jägerschaft. „Rehe haben einen sogenannten Drückreflex. Sie vertrauen auf ihre Tarnung und hoffen, dadurch nicht entdeckt zu werden. Das hat gegen natürliche Feinde jahrtausendelang wunderbar funktioniert, nur mit dem Einsatz technischer Geräte haben sie sozusagen nicht gerechnet“, ergänzt er.
Die Kitze werden zwischen Mai und Mitte Juni geboren. Experten gehen davon aus, dass in Österreich jedes Jahr rund 30.000 von ihnen einer Mähmaschine zum Opfer fallen. „Auf Vorarlberg heruntergebrochen sind es auf jeden Fall einige Hundert“, präzisiert Heigl. Mit einer einfachen Methode könnte den kleinen Rehen dieses grausame Schicksal erspart bleiben.
Hoffnungsträger

„Unser Hoffnungsträger“, sagt Katharina Löschnig von der Wildtierhilfe Vorarlberg über den „Kitzretter 01“. Das Gerät, das an einem Stock in rund 1,5 Meter Höhe befestigt wird, gibt regelmäßig Blaulicht- und Infrarottonsignale ab. Die Tiere empfinden das als irritierend und unangenehm, verlassen daraufhin die Felder und bringen ihren Nachwuchs an einem anderen Ort in Sicherheit. Die Jägerschaft und die Wildtierhilfe Vorarlberg haben das Projekt vor zwei Jahren gestartet. Mittlerweile sind etwas mehr als 100 Kitzretter im Einsatz. “Wir haben damit super Erfahrungen gemacht”, betont Heigl. Auch der Aufwand sei sehr gering. Die kleinen Geräte werden am Tag vor dem Mähen angebracht und anschließend wieder entfernt. “So werden die Lebensräume rasch wieder für die Tiere freigegeben“, führt Katharina Löschnig aus. Unterstützt wird die Kitzschutzinitiative von der Landwirtschaftskammer: “Wir empfehlen den Landwirten außerdem, von innen nach außen zu mähen, damit das Wildtier die Chance hat zu fliehen”, erläutert Thomas Ölz.
Das System wurde laut Heigl bereits von Liechtenstein übernommen, heuer sei eine Anwendung in größerem Umfang auch im Kanton St. Gallen geplant. In anderen österreichischen Bundesländern oder in Deutschland werden die Flächen oftmals mit Drohnen überflogen, an denen Wärmebildkameras befestigt sind. Einen Nachteil dieser Methode sieht Heigl darin, dass die gefundenen Kitze aus der Fläche rausgetragen, versorgt und anschließend wieder freilassen werden müssen. “Wir wollen die Wildtiere unterstützen, sich selbst zu retten”, beschreibt der Jäger-Geschäftsführer den Vorarlberger Ansatz.
Jeder Beitrag zählt
Der Wildtierschutz geht aber nicht nur Landwirte und Jäger etwas an. “Jeder kann etwas dazu beitragen”, verdeutlicht die Wildtierhilfe-Obfrau. Gerade in der Jungtierzeit sei es wichtig, rücksichtsvoll zu sein und Hunde nicht frei herumrennen zu lassen. Klaus Zimmermann von der inatura formuliert einen weiteren dringenden Appell: “Wenn Sie ein verwaistes oder verletztes Jungtier finden, ist es ganz wichtig, das Tier nicht anzugreifen. Ein junges Säugetier, das den Geruch von Menschen trägt, wird von seiner Mutter nicht mehr angenommen. Kontaktieren Sie bitte als Erstes einen Experten”, macht der Fachberater deutlich.