Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Eine Geschichte aus Thailand

Vorarlberg / 23.04.2019 • 18:59 Uhr

Diese Geschichte erzählte mir eine Bekannte, die sie wiederum von einer Bekannten erfahren hatte, die mit ihrem Mann Urlaub in Thailand verbracht hatte:

„Stell dir ein schönes Mädchen vor, wie sie da unten ja alle schön sind, so lange sie noch keine Kinder geboren haben. Es lebte bei ihrer Familie in einer winzigen Wohnung, zwölf Menschen auf engstem Raum. Als das Mädchen gerade vierzehn geworden war, sagte ihr Vater, dass es nun an der Zeit wäre, Geld nach Hause zu bringen. Es war bisher der Mutter zur Hand gegangen und die Mutter wollte ihr Kind nicht loslassen. Der Vater sagte, sie sei eine junge Frau, er kannte einen Lokalbesitzer, und bei dem sollte sie arbeiten. Tischmädchen hieß ihr Beruf. Die Mutter gab an, ihre Tochter erledige die Buchhaltung und habe mit dem Lokal an sich nichts zu tun. Juna, so hieß die junge Frau, ging am Morgen aus dem Haus und kam an einem freien Tag mit kleinen Geschenken zurück. Sie war beliebt bei den Gästen. Sie animierte, trank und küsste das eine oder andere Mal, aber ging mit keinem auf ein Zimmer. Waren alle Gäste bedient, stellte sich Juna auf die kleine Bühne und sang mit ihrer dünnen Stimme zu einem lauten Song. Ihre Leidenschaft war Karaoke.

„Er nahm sein Handy und spielte ihr einen Song vor, fragte, ob sie ihn kenne.“

Einmal kam der Boss zu ihr und sagte, er habe eine ehrenvolle Aufgabe für sie, sie solle einen Finanzbeamten betreuen und ihn von der Geschäftsprüfung ablenken. Dem Beamten genügten ihre Dienste im Lokal nicht und so musste sie mit ihm auf ein Zimmer. Er nahm sein Handy und spielte ihr einen Song vor, fragte, ob sie ihn kenne. Sie schüttelte den Kopf und er spielte einige durch, bis einer dabei war, den sie kannte.

Er spielte den Song in voller Lautstärke, dann zog er sich aus, dann zog er Juna aus und legte sich auf sie. Er tat nichts. Juna dachte, gleich wird er sich bewegen, und sie fürchtete sich davor, weil sie doch noch Jungfrau war. Er aber wollte nur, dass sie Karaoke zu dem Song machte – unter ihm. Sie sagte, im Liegen könne sie nicht singen, da werde ihre Stimme erdrückt und fragte, ob sie aufstehen dürfe. Der Finanzbeamte erlaubte es nicht. So sang sie mit ihrer dünnen Stimme, kaum dass man es hörte. Er drehte im Liegen den Song lauter und sang mit Juna mit. Es klang wie Musik mit Geräusch.

Juna hatte in dieser Nacht mehr als einen Monatsgehalt verdient, und ihr Chef wurde nicht überprüft. Von da an wurde Juna nur mehr für Spezialaufgaben eingesetzt.“

Ich fragte die Bekannte meiner Bekannten, wer ihr diese Geschichte erzählt habe, und sie sagte, es sei Junas Vater gewesen. Stolz sei er gewesen. Auf seine Juna.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.