Als wir Engel waren
Es war im Winter vor vielen Jahren. Meine Schwester und ich hielten uns an der Hand und ließen uns in den glitzernden Schnee fallen. Wir breiteten die Arme aus und stoben Flügel in den Schnee. Es war so kalt, dass an unseren Fenstern Eisblumen klebten. Nur in der Küche war es warm. Unsere Mutter schenkte heißen Kakao ein, wir aßen vom Weißbrot und schnabelten wie Spatzen. „Erst schlucken, dann reden“, sagte die Mutter.
„Ich rieche das Heu und sehe die samtenen Wiesen, die hohen Tannen und darüber den Himmel mit den Wolken.“
Vor kurzer Zeit schickte mir ein freundlicher Mann Fotos von der Tschengla. Sein Vater, ein exzellenter Fotograf, hatte sie aufgenommen. Auf einem Bild sieht man meine Schwester und mich auf einer Rodel sitzen, wir tragen Pumphosen und selbstgestrickte Pullover, dazu Hausschuhe. Die Rodel stand mitten im Schnee. Unsere Mutter hatte uns die schönsten Frisuren gekämmt, die dicken Haare meiner Schwester waren zu Zöpfen geflochten, ich trug mitten auf dem Kopf einen Schwanz, was lustig aussah. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Schwester sagt: „Traust du dich vornehm tun?“ Sie lachte schüchtern und ich hob meinen Kopf ein wenig schief und tat, als wäre ich eine Dame. Der Fotograf rief: „Bleibt so!“ und knipste.
Wieder vor kürzerer Zeit schrieb mir ein Mann eine Mail und erzählte, er hätte meine Schwester und mich gekannt, als er sieben Jahre alt gewesen war, meine Schwester sechs, ich fünf. Ob ich mich an ihn erinnere. Neblig fiel mir ein, dass er der Bub sein musste, der einige Meter von uns entfernt gewohnt hatte. Auch erinnerte ich mich an einen Hund aus diesem Haus, der mich gebissen hatte. Ich hatte ihn gefoppt, er schnappte nach mir. Mir fiel wieder ein, dass der Bub einen Kopf größer gewesen war als ich, dass wir zusammen Haus spielen wollten, aber der Heustadel zugesperrt war. Wir beschlossen, uns selber ein Haus zu bauen und schleppten Latten herbei, die wir in den Boden schlagen wollten, vergeblich. Ich rieche das Heu und sehe die samtenen Wiesen, die hohen Tannen und darüber den Himmel mit den Wolken. Wir lagen im Gras, und ich gab an, was ich in den Wolken sah, meistens waren es Tiere, Löwen und Krokodile.
Dieser Mann nun hatte im Ausland gelebt und war jetzt wieder heimgekehrt. Ob er, beliebig wie ich, die Zeit auch zurückschrauben konnte?
Er erinnerte sich jedenfalls an die Chemieversuche unseres Vaters, die ihm gefallen hatten. Jetzt gerade sehe ich uns auf dem flachen Teerdach der Skihütte sitzen, unsere Sohlen sind heiß vom Teer, und wir überlegen, ob wir uns aufs Dach legen könnten, ohne daran festzukleben.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
monika.helfer@vn.at
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