Einmal gesehen werden
Für die Verkehrserzieher liegt der Fall einfach: Sehen und gesehen werden ist eine Überlebensfrage. Wenn Menschen in der Dunkelheit zur Arbeit und wieder heimkehren, wenn Nebel wabern oder dichter Regen peitscht, raten sie zu Reflektoren. „Damit Du gesehen wirst!“ Und nicht überfahren.
Das gilt noch viel mehr in der medialen Inszenierung unserer Tage. Schwindlig könnte einem werden beim Anblick all der Menschen, die verzweifelt Räder schlagen, um endlich gesehen zu werden. Wie eine Schar Putzerfische um einen Wal schwänzeln die Adabeis um die wenigen Prominenten des kleinen Landes, um ein wenig an ihrer telegenen Existenz mitnaschen zu dürfen. Das wird belächelt. Aber auch klammheimlich beneidet, wenn die Kamera einen Hauch länger auf dem Gesicht des Nachbarn verharrt . . .
Ja, sehen und gesehen werden kann durchaus krankhafte Züge annehmen – die Welt ein Laufsteg. Aber es ist ein Urbedürfnis des Menschen. Das große Theater lenkt unsere Blicke freilich ab von den Vielen, die echt nie gesehen werden. Wie viel Schönheit, wie viel Würde bleibt da wohl im Dunkeln?
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