Vom Wasser getrieben: Hohenems und der Weg in die Industriezeit

VN / 03.11.2025 • 16:55 Uhr
Blick über die Bahnhofstrasse in Richtung Kirche, Palast und Schlossberg im Vordergrund rechts die erste Stickereifabrik Alois Ammann 1908.
Blick über die Bahnhofstraße in Richtung Kirche, Palast und Schlossberg, im Vordergrund rechts die erste Stickereifabrik Alois Ammann, 1908. Kulturkreis Hohenems

Vom Handwerk am Emsbach bis zur Stickereiblüte.

Hohenems Als sich im frühen 19. Jahrhundert der industrielle Wandel im Rheintal ankündigte, war Hohenems bereit. Die Gemeinde am Fuß des Schlossbergs verfügte über ein Kapital, das damals entscheidend war: Wasser. Aus den Bergquellen strömte es reichlich und klar – mit einer mineralischen Zusammensetzung, die sich ideal für die Türkischrot-Färberei eignete.

Wie in Hard oder Dornbirn wurde Wasser hier zum Antrieb und Rohstoff zugleich – Grundlage einer Entwicklung, die das Gesicht des Ortes veränderte. Im Ortsteil Säge, hinter dem Schlossberg, hatten sich seit Jahrhunderten Handwerksbetriebe an Reute-, Salz- und Emsbach angesiedelt. Diese Zone gilt als Keimzelle der Industriegeschichte von Hohenems – und als Ort, an dem die Regulierung der Wildbäche lebenswichtig wurde. Erst die gezähmten Wasserläufe machten es möglich, ihre Energie für Mühlen, Sägen und Fabriken zu nutzen.

Kläre Fabrik/Schuhfabrik Sachs um 1900.
Kläre Fabrik/Schuhfabrik Sachs um 1900.

Auch verkehrstechnisch war Hohenems günstig gelegen: Die Reichsstraße zwischen Bregenz und Feldkirch führte hindurch, und mit dem Anschluss an die Vorarlbergbahn 1872 öffnete sich der Ort dem internationalen Markt. Unternehmer wie die Familien Rosenthal und Löwengard förderten nicht nur die Industrie, sondern auch Straßen- und Wasserbauten sowie die Elektrifizierung, die jedoch erst 1907 erfolgte.

Stickfabrik Süsz & Bollag neben dem Palast Hohenems um 1900.
Stickfabrik Süsz & Bollag neben dem Palast Hohenems um 1900.

Zuwanderung</span>

Die Textilindustrie war der Motor dieser Entwicklung. Schon 1783 wird mit Nathan Elias der erste Baumwollwarenerzeuger genannt. Ihm folgten Isak und Ephraim Löwengard, die 1815 im alten Schwefelbad eine Spinnerei errichteten. 1839 gründeten die Gebrüder Rosenthal die erste Baumwoll- und Tüchledruckerei, der bald weitere Betriebe entlang des Emsbachs folgten. Um 1900 arbeitete rund ein Zehntel der Bevölkerung in der Industrie. Mit dem Aufschwung kam Zuwanderung: Ab 1884 entstand am Steinbruch Unterklien eine kleine “Italienerkolonie” von Trentiner Arbeitern, die für die Rheinregulierung Material abbauten.

Stickerei Durgiai in der Friedhofsstraße 2013.
Stickerei Durgiai in der Friedhofsstraße 2013.

Vom Wasser zum Wohlstand

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein Zentrum der Stickkunst: 18 größere Betriebe mit über 25 Beschäftigten und etwa 30 kleineren Werkstätten prägten zwischen 1900 und 1912 die Wirtschaft. Namen wie Süsz & Bollag, Hermann Fend oder Jahreis stehen für diese Blütezeit – eine Ära, die heute nur noch in alten Fabriken nachhallt. Auch im frühen 20. Jahrhundert blieb Hohenems ein Ort des textilen Gewerbes. Mittelbetriebe wie die Stickerei Ammann, die Wäscheproduktion Mathis oder die Stickerei Durgiai beschäftigten teils über fünfzig Mitarbeiter.

Rosenthal Fabrik /Schwefel Ottenareal 2013. Fotos: Kulturkreis Hohenems
Rosenthal Fabrik/Schwefel Ottenareal 2013.

Ihre schlichten Bauten sind bis heute erhalten. Wer heute durch Hohenems geht, erkennt Spuren dieser Vergangenheit: Im Ortsteil Schwefel dominiert die alte Textilfabrik Otten die südliche Ortseinfahrt, und am Emsbach zeugen Mauern und Wasserläufe vom einstigen Zusammenspiel von Natur und Industrie. Zwischen stillgelegten Werken, verwitterten Ziegeln und umgenutzten Hallen erzählt Hohenems seine Geschichte eines Ortes, der vom Wasser zur Arbeit, von der Arbeit zum Wohlstand fand. MEC