Über den Alltag mit Demenz sprechen

Facharzt Albert Lingg und Gabi Hopfner sprachen über den Alltag mit Demenz.
Dornbirn 7600 diagnostizierte Demenzfälle gibt es derzeit in Vorarlberg, hinzu kommt vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Noch immer fällt es vielen Menschen schwer, über Demenz zu sprechen. “Dabei ist es eine Erkrankung wie jede andere”, sagte Psychiater Dr. Albert Lingg, der zu Gast in der Stadtbibliothek Dornbirn war. Diese hatte in Kooperation mit der Aktion Demenz zu einem Abend für Interessierte eingeladen, die sich aus erster Hand informieren wollten.

Viele Gesichter
Neben dem ehemaligen Primar am LKH Rankweil nahm auch Gabi Hopfner, eine pflegende Angehörige, an der Veranstaltung teil. Der Abend fand im Rahmen der Reihe “Lesung und Gespräch” statt und wurde mit einem literarischen Input eröffnet. Gabi Hopfner las aus “Aus dem Schatten treten” von Helga Rohrer, die mit 54 Jahren die Diagnose Lewy-Body-Demenz bekam und über ihren Alltag als Demenzbetroffene schreibt. “Sie entspricht nicht dem Bild, das wir meist von Demenzkranken haben – sie ist weder alt noch gebrechlich, sondern aktiv und mitten im Leben. Ihr Beispiel zeigt, dass es viele verschiedene Formen von Demenz gibt”, erklärte Lingg.

Er gab Einblicke in erste Symptome und Anfangsstadien der Erkrankung und betonte, dass es oft schwierig sei, zwischen normaler Altersvergesslichkeit und beginnender Demenz zu unterscheiden. Spezielle Tests und medizinische Untersuchungen helfen dabei, eine Demenz zu erkennen und sicher zu diagnostizieren. “Eine Diagnose kann zuverlässig gestellt werden – eine Prognose jedoch nicht. Dafür sind die Ausprägungen zu unterschiedlich”, so Lingg.

Erfahrungen aus erster Hand
Gabi Hopfner berichtete anschließend von ihren persönlichen Erfahrungen mit ihrer demenzkranken Schwiegermutter, die sie sieben Jahre lang zu Hause pflegte – parallel zur Erziehung ihrer Kinder. “Ich habe in dieser Zeit Dinge gelernt, die ich nie lernen wollte – und doch waren es sieben sehr wertvolle Jahre. Es war eine Persönlichkeitsbildung, die man an keiner Universität lernen kann”, sagte sie. Sie plädierte dafür, dass die Gesellschaft lernt, humorvoll, fachgerecht und menschlich mit Demenzkranken umzugehen. Auch Lingg wies darauf hin, dass das Thema aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. “Als ich studiert habe, standen in unserem Skriptum gerade einmal drei Seiten über Demenz”, erinnerte er sich.

Dazugehören trotz Krankheit
Wichtig sei es, sich nicht aus Scham zurückzuziehen, sondern sich umfassend zu informieren und gewohnte Aktivitäten weiterzuführen. Ideal wäre es, wenn Demenzkranke das Gefühl behalten, dazuzugehören und etwas Sinnvolles beitragen zu können. Angehörige könnten spezielle Techniken erlernen, um den Alltag zu erleichtern und Konflikte zu vermeiden. Ebenso wichtig sei es, sich frühzeitig Rat und Unterstützung zu holen, betonte Lingg. Besonders Musik könne auch dann noch verbinden, wenn Worte fehlen. “Das Zentrum für musikalisches Gedächtnis bleibt am längsten erhalten. Vorlesen, Vorsingen oder gemeinsames Singen kann für beide Seiten stressreduzierend wirken”, so Lingg. LCF

