Krieg, Flucht und ein Neuanfang

VN / 27.07.2025 • 14:30 Uhr
Thamer Al-Khalaf mit seinen in Syrien geborenen Söhnen Ali (6), Hussein (4). HRJ
Thamer Al-Khalaf mit seinen in Syrien geborenen Söhnen Ali (6), Hussein (4). HRJ

Einer der Gründe, weshalb Thamer Al-Khalaf flüchten musste: Er kann nicht töten.

Hörbranz Thamer Al-Khalaf hätte seine Heimat nie verlassen, wäre er nicht dazu gezwungen gewesen. Der 34-jährige Syrer ist heute in Hörbranz zuhause. Sein Weg von seinem Herkunftsland bis hierher war geprägt von Krieg, Flucht und einem Neuanfang. Einem Neuanfang, der ihm ermöglicht hat, weiter zu leben und zu hoffen. Diese Geschichte zeigt, dass Thamer aus Überlebensangst, nicht aus Bequemlichkeit sein Land verließ.

Krieg, Flucht und ein Neuanfang: Thamer bereitet sich intensiv auf die Deutsch-Prüfung B2 vor. Niveau B1 hat er bereits erreicht. HRJ
Thamer bereitet sich intensiv auf die Deutsch-Prüfung B2 vor. Niveau B1 hat er bereits erreicht. HRJ

Thamer kam am 20. Februar 1991 in einem Dorf nahe Kamischli, einer Stadt im Nordosten Syriens, an der Grenze zur Türkei, zur Welt. Er wuchs dort mit fünf Brüdern und zwei Schwestern auf. Die Eltern führten ein Lebensmittelgeschäft.

Kein Zugang zur Uni

Nach der Ausbildung zum Erdöltechniker begann Thamer an der Universität in Kamischli Rechtswissenschaften zu studieren. Mit Ausbruch des Syrienkrieges 2011 nahm sein Leben eine drastische Wende. Er stand kurz vor dem Abschluss des dritten Studienjahres, da sollte er in die syrische Armee eingezogen werden und kämpfen. „Ich wollte nicht töten. Ich kann das nicht. Aber ich wäre dazu gezwungen worden“, erklärt Thamer. Daraufhin musste er das Studium abbrechen, der Zugang zur Universität wurde ihm verweigert. Eine Weile arbeitete er als Erdöltechniker. Den Job verlor er dann auch. Demzufolge war er nun nicht mehr in der Lage, seine inzwischen gegründete eigene Familie zu versorgen. Diese Tatsache sowie die Angst, zwangsrekrutiert zu werden, trieben ihn zur Flucht. Zurück ließ er schweren Herzens seine Ehefrau Saada und zwei kleine Söhne. 2020 war das.

Die Fluchtroute führte durch die Türkei, Griechenland, Albanien, Kosovo, Serbien, Ungarn, Slowakei. „Am 3. Oktober 2020 stand ich in der Slowakei an der Grenze zu Österreich“, erinnert er sich. Zu Fuß ging er nach Schwechat, kam in einem Asylheim unter. Corona bedingt musste er dort mehrere Tage bleiben, bis er ins Erstaufnahmezentrum nach Traiskirchen gebracht wurde, wo er den Asylantrag stellte.

Krieg, Flucht und ein Neuanfang: Ballspielen auf der Terrasse. Der Familienvater beschäftigt sich viel mit seinen Kindern. HRJ
Ballspielen auf der Terrasse. Der Familienvater beschäftigt sich viel mit seinen Kindern. HRJ

Drei Wochen später landete der Geflüchtete mithilfe der Caritas in Vorarlberg, in Wolfurt. Dann begann das Warten – auf einen Aufenthaltstitel oder auf die Abschiebung. „Schwierig war das“, sagt Thamer im Rückblick. Schwierig war für ihn auch, sich nicht verständigen zu können, weil er die deutsche Sprache nicht beherrschte: „Ich nahm mir vor, so schnell als möglich Deutsch zu lernen.“ Die Kurse für Asylwerber waren voll belegt. Also lernte er über das Videoportal YouTube.

Im März 2021 wurde Thamer als Konventionsflüchtling anerkannt. Das bedeutete für ihn auch, er durfte arbeiten. Über das AMS wurde er zu Integra vermittelt. „Dort entschied ich mich für eine Ausbildung in der Schlosserei. Ich habe viel gelernt.“ Zwei Monate später bekam er eine Stelle in der Moosburger Roßhaar Manufactur in Hörbranz. In dem Ort wohnt er nun auch mit Saada, Ali (6), Hussein (4) und der hier geborenen Tochter Watin (1,5). Ehefrau und Söhne sind vor zwei Jahren nachgekommen. 

Berufsziel Krankenpfleger

Arbeit zu haben, ist wichtig für Thamer. Sein Ziel ist es jedoch, Krankenpfleger zu werden. „Ich kann mich aber erst in der Krankenpflegeschule anmelden, wenn ich die Deutschprüfung B2 geschafft habe“, sagt er. Sprachniveau B1 hat er bereits erreicht. „Es wird noch ein Jahr, vielleicht zwei Jahre dauern, dann werde ich soweit sein.“

Krieg, Flucht und ein Neuanfang: Ziel von Thamer Al-Khalaf ist es, Krankenpfleger zu werden. HRJ
Ziel von Thamer Al-Khalaf ist es, Krankenpfleger zu werden. HRJ

Eine Rückkehr nach Syrien kommt für ihn nicht infrage. Dort verlor er alles, hier hat er sich alles neu aufgebaut. „Ich bin froh, hier gelandet zu sein. Vorarlberg ist jetzt meine Heimat.“ Heimat ist für Thamer ein Ort, „wo ich mit meiner Familie in Frieden leben kann. Und ohne Angst“.