Kommentar: Der Krieg, der nicht endet
Wladimir Putin gab vor, über den Frieden nachzudenken – und ließ währenddessen seine Truppen in Stellung bringen. Laut internationalen Militärbeobachtern und ukrainischen Militärstrategen hat Russland eine neue Sommeroffensive gestartet. Schon seit Mai nehmen die Angriffe immer mehr zu, am vergangenen Wochenende haben die russischen Angreifer die Ukraine in der Nacht mit massiven Luftangriffen, mit Bomben und Drohnen, überzogen. Luftalarm im ganzen Land. Die ukrainische Infrastruktur zu zerstören und die Menschen mit Attacken aus der Luft in dauernder Unsicherheit zu halten, bleibt offensichtlich Teil von Russlands Strategie.
Mit dieser Sommeroffensive soll der Druck auf die Ukraine wieder erhöht werden – der schreckliche Erschöpfungskrieg dauert an. Erschöpfungskrieg, alleine schon dieser Begriff sagt viel über das Grauen eines Krieges aus. Militärs verwenden den Terminus Abnutzungskrieg, wenn sie über das Kriegsgeschehen in der Ukraine sprechen. Und im mittlerweile schon vierten Kriegsjahr stellt sich die Frage: Wie lange wird sich dieser Krieg noch hinziehen und die Bevölkerung im Kriegsgebiet zermürben?
Kampf um Aufmerksamkeit
Zuletzt hat der neue deutsche Kanzler Friedrich Merz betont, dass sich die Ukraine der weiteren Unterstützung aus Europa sicher sein könne. Dennoch befindet sich die Ukraine in einem täglichen Kampf, gesehen zu werden und die Aufmerksamkeit der Welt nicht zu verlieren. Ihr Krieg ist ein trauriger Begleiter unseres Alltags geworden, genauso wie der Krieg im Nahen Osten. Dieser Schauplatz mit den Hauptkonfliktlinien zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas, zwischen Israel und Iran, hat das Leiden der Ukraine an manchen Tagen schon aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängt. Und es setzt bei vielen wohl so etwas wie ein Gewöhnungseffekt ein: Was kann man denn persönlich gegen das Grauen in der Ukraine tun? Die Bilder in den Medien oder auf den Social-Media-Plattformen, alles ein Albtraum, der nicht enden will.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte von Beginn an zwei Strategien: Hoffnung zu verbreiten, um die Menschen im Land zum Durchhalten zu bewegen und die Heldenerzählung von der Ukraine, die sich gegen den Angreifer Russland wehrt, professionell über Social Media und herkömmliche Medien in die Welt hinauszutragen. Den Informationskrieg hat Selenskij zumindest außerhalb Russlands mit seiner Standfestigkeit und seinen Auftritten für sich entschieden. Doch auch hier gilt wie immer im Aufmerksamkeitsgeschäft: Im Informationssturm ermattet das Interesse der Welt irgendwann. Die Hoffnung nicht müde werden zu lassen, das ist die größte Herausforderung, die Präsident Selenskyj bewältigen muss.
Wie lange wird sich dieser Krieg noch hinziehen und die Bevölkerung im Kriegsgebiet zermürben?
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
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