„Trump ist die Wahl der Dummen“

VN / 28.10.2024 • 14:28 Uhr
USA-Wahlkampf Maine
Jose (l) und und der aus Puerto Rico stammende US-Bürger Raisaac mit VN-Reporter Klaus Hämmerle im ländlichen Maine. VN/Hämmerle

VN absorbieren Stimmen und Stimmungen vor der US-Wahl direkt aus den Vereinigten Staaten.

Linconln Ville (Main, USA) „Du kannst mit den Amerikanern über alles reden. Nur nicht über Politik und Religion“, sagte mir noch vor meiner US-Reise eine Amerikanistik-Professorin, bei der ich während meiner Studienzeit Kurse absolvierte. Dabei will ich genau das. Trotzdem bin ich etwas gehemmt, bevor ich Raisaac und Jose im kleinen Diner namens „Dots“ mitten im ländlichen Maine anspreche. Ich tu’s dann doch, und siehe da: Die beiden Männer, 63 und 79 Jahre alt sind gesprächig. Vor allem Raisaac. „Die Wahlen? Wissen Sie, ich bin Postbote, bringe den Leuten Briefe und Pakete. Aber über die Wahlen rede ich mit ihnen nicht. Das könnte gefährlich werden. Hier ist alles gespalten. Du willst keinen Konflikt riskieren. Schon gar nicht ich“, erklärt Raisaac.

USA-Wahlkampf Maine
An den Straßenrändern begegnet Reisenden eine wahre Plakatflut. Auch für den Kongress wird um Stimmen geworben.

Dabei weiß er noch gar nicht, wie wenig später Donald Trump und seine Redner im New Yorker Madison Square Garden über seinesgleichen herziehen, Puerto Rico unter anderem als „Müll mitten im Ozean“ bezeichnen. Raisaac ist glücklicherwiese schon längst US-Bürger. Er wird am 5. November natürlich Kamala Harris seine Stimme geben.

Zerstörte Wahlplakate

Raisaac hat wahrgenommen, wie die Leute einander die Wahlplakate in ihren Vorgärten zerstörten, er liest und beobachtet tagtäglich, wie explosiv die Stimmung ist.  Sein Ton im beschaulichen Diner ist gedämpft. Am Tisch daneben spielt ein junger Mann mit seinem kleinen Sohn Schach, an der Theke vorne decken sich Kundschaften mit Kuchen und Sandwiches ein.

USA-Wahlkampf Maine
Trump-Kundgebung einer Gruppe alter Menschen im mehrheitlich demokratischen ländlichen Maine. Im Hintergrund tönt die US-Hymne.

Der mehrheitlich demokratische Staat Main an der Nordost-Küste bietet vergleichsweise hohen Lebensstandard, die atemberaubend schöne Natur gerade im Herbst zieht auch jetzt noch viele Touristen an. Maine ist einer der wenigen Bundesstaaten, in denen die Wahlleute geteilt werden und nicht das „The winner takes-it-all-Prinzip“ zur Umsetzung kommt. Joe Biden konnte vor vier Jahren drei der vier Wahlmänner auf sich vereinigen.

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Schlichte Amis

Raisaac beklagt die Schlichtheit vieler Amerikaner. „Ich bin ja auch nur Postbote. Aber ich zähle mich zu jenen, die denken. Und nicht zu denen, die auf diese dumpfen Parolen von Trump und seinen Leuten hereinfallen. Ihn wählen die Dummen.“

Janice liebt “diesen Mann”

Das tut das Grüppchen Rentner unweit des „Dots“ nicht. Sie sind glühende Trump-Anhänger, zum Teil schrill gekleidet. Sie halten Fahnen und Transparente hoch. Auf einem steht: „Trump Safety, Kamala Crime“. Aus einem kleinen Truck klingt laut die US-Hymne. Sie empfangen mich freundlich und die 81-jährige Janice nimmt mich mütterlich sofort in Beschlag. „Schön, dass sich jemand für uns interessiert. Es ist für uns hier nicht so einfach. Nicht alle sehen uns gerne hier.“ Janice hält mit ihrer Begeisterung für Trump nicht hinterm Berg. „Ich liebe diesen Mann. Er macht was gegen die Immigranten. Er wird die Inflation bekämpfen.“

USA-Wahlkampf Maine
Die 81-jährige Janice wirft sich für Donald Trump ins Zeug. “Er tut was gegen die Immigration und die Inflation.”

Trump und sein Charakter? „Ach hören Sie mir doch damit auf. Sind Sie etwa perfekt? Ich bin es nicht, und Trump halt auch nicht.“ Janice lächelt und hält stramm ihre Trumpfahne hoch. Danach herzt sie den fremden Besucher. So als orte sie totales Verständnis für das, was sie sagt und empfindet.