Ein liebestoller Bombendroher und seine desaströse Geschichte

VN / 16.11.2023 • 18:00 Uhr
Ein liebestoller Bombendroher und seine desaströse Geschichte
Im August 2011 mussten in Feldkirch der Schnellzug OIC 863 und zwei weitere Züge für längere Zeit angehalten werden. VOL.AT

Der ehemalige Chefermittler Norbert Schwendinger über den außergewöhnlichen Fall eines beinahe bemitleidenswerten Täters.

Feldkirch In den frühen Morgenstunden des 11. August 2011 herrschte beim Bahnhof Feldkirch der Ausnahmezustand. 40 Fahrgäste mussten einen dort angehaltenen Schnellzug verlassen. Überall wimmelte es von Polizeibeamten. Sprengstoffkundige Beamte durchstöberten den Zug von Waggon zu Waggon – auf der Suche nach einer Bombe. Auch zwei weitere Züge wurden gestoppt und überprüft.

Sprengstoffkundige Beamte durchsuchten die Zuggarnituren akribisch nach explosivem Material. <span class="copyright">apa/Mathis</span>
Sprengstoffkundige Beamte durchsuchten die Zuggarnituren akribisch nach explosivem Material. apa/Mathis

Der Grund für den Alarm: Gegen 6 Uhr morgens hatte ein zunächst unbekannter Mann beim Call-Center der ÖBB in Wien angerufen und erklärt, dass sich im vierten Waggon des Zugs von Bregenz nach Bludenz eine Bombe befände. Erst gegen 9.20 Uhr konnte Entwarnung gegeben werden. Nach intensiver Suche war nichts Explosives in den Waggons zu finden.

Aufwendige Ermittlungen

Nun kamen die Ermittler des Landeskriminalamts zum Zug. Es galt, den Bombendroher ausfindig zu machen. Chefermittler Norbert Schwendinger erinnert sich an das aufwendige und äußerst komplizierte Prozedere der Rufdatenrückerfassung: „Schließlich wurde festgestellt, dass das Täterhandy im Zeitraum vom 11. Juli bis 26. August 2011 immer im gleichen Sendemast in Wien eingeloggt war.“

Erst nach schwierigen Ermittlungen konnte ein vager Ansatz gefunden werden, dass ein 30-jähriger Wiener einen Bezug zu Vorarlberg hatte. Der Verdacht sollte sich als Volltreffer erweisen.

Und eine unglaubliche Geschichte ans Licht bringen.

<p class="caption">Der "Bombendroher" und elf weitere Kriminalfälle sind in Norbert Schwendingers Buch "Tatort Vorarlberg 3" zu lesen. <span class="copyright">vn/gs</span></p>

Der "Bombendroher" und elf weitere Kriminalfälle sind in Norbert Schwendingers Buch "Tatort Vorarlberg 3" zu lesen. vn/gs

Denn der Tatverdächtige hatte eine Ex-Freundin, oder laut Schwendinger besser gesagt „Möchtegern-Freundin“, die in Vorarlberg lebte. Es war eine Polin, in Schwendingers Buch „Michalina“ genannt, die zuvor wegen Drogenschmuggels in Südamerika längere Zeit im Gefängnis verbringen musste. Der Wiener hatte die Frau bereits vor ihrer Verhaftung im Internet kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Und das ohne jeglichen persönlichen Kontakt.

Reise nach Südamerika

Seine Liebestollheit ging so weit, dass er nach Südamerika flog, um seiner Angebeteten zu helfen. Und das auf skurrile Weise: So versuchte er, die dortigen Behörden nicht nur davon zu überzeugen, dass seine Herzdame unschuldig sei, sondern vielmehr er selbst der „Drahtzieher“ des Drogenschmuggels gewesen sei. Kurzum, er wollte die Schuld auf sich laden und für die Freiheit seiner Auserwählten selbst in der Zelle schmachten.

Eine Rechnung, die allerdings nicht aufging, denn: „Die Behörden glaubten dem jungen Österreicher nicht“, so Schwendinger. Auch damals bekam der 30-Jährige die Polin noch nicht leibhaftig zu Gesicht.

Zurück in seiner Heimat, überwies der Wiener der Gefangenen während ihrer zweijährigen Haftzeit insgesamt 17.000 Euro, um der Frau ihr schweres Los hinter Gittern erträglicher zu machen.

Eine bittere Enttäuschung

Nach ihrer Entlassung und Abschiebung nach Österreich, sie war anschließend in Vorarlberg wohnhaft, hoffte der selbstlose Galan auf das ersehnte Treffen mit der Polin. Doch er wurde auf herbe Weise enttäuscht. Denn seine Angebetete wollte nichts von ihm wissen, ging ihm aus dem Weg, lehnte persönliche Treffen ab, gab ihm einen Korb.

Um sich gewiss zu sein, dass „Michalina“ Österreich nicht verlassen konnte, zeigte der 30-jährige die Frau wegen ihrer Drogengeschichten bei der Vorarlberger Polizei an, auf dass sie inhaftiert werde.

Doch auch dieser Plan ging nicht auf. Als er erfuhr, dass die Polin mit dem Zug in ihre Heimat zurückkehren wollte, fasste er den Entschluss, die Bahnreise mit einer Bombendrohung blockieren. Aber auch das half ihm nicht, „Michalina“ für sich zu gewinnen. Nach seiner Ausforschung durch die Polizei wurde dem Bombendroher am Landesgericht Wien der Prozess gemacht. Wie das für den Liebestrunkenen ausging, ist in „Tatort Vorarlberg 3“ zu lesen. Und natürlich die ganze Geschichte in aller Ausführlichkeit.

Nichts ging mehr weiter: Der Schnellzug wurde beinahe drei Stunden am Bahnhof Feldkirch unter die Lupe genommen. <span class="copyright">vol</span><br>
Nichts ging mehr weiter: Der Schnellzug wurde beinahe drei Stunden am Bahnhof Feldkirch unter die Lupe genommen. vol

zur person

Norbert Schwendinger

Chefermittler in 28 vollendeten und 60 versuchten Mordfällen in Vorarlberg

Geboren 5. Dezember 1958

Familie in Lebensgemeinschaft, zwei Kinder

Laufbahn 1979 bis 1991: Gendarmeriebeamter auf den Dienststellen Höchst und Lochau; 1991 bis 1996: Kriminalbeamter bei den Abteilungen Raub und Diebstahl; 1996 bis 2008: Leiter der Diebstahlsgruppe im Landeskriminalamt; 2008 bis 1. August 2019: Leiter der Abteilung LKA 1 Leib/Leben (Mordkommission); am 1. August 2019 ging der heute 63-Jährige in Pension

Buchtipp: Tatort Vorarlberg 3, wahre Kriminalfälle (drei Editionen). Die Bücher sind im Buchhandel (u.a. Das Buch im Messepark) erhältlich.

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