Sechs Tage offline: Wie es den Teilnehmern im Offline Dorf ergangen ist

Linda Meixner will mit ihrem wissenschaftlich fundierten Offline Dorf den Gesundheitstourismus nach Gargellen bringen. Sechs Tage sind die Teilnehmer offline und bekommen ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm geboten. Ziel ist es, mehr Zeit im Hier und Jetzt zu verbringen und einen gesünderen Umgang mit dem Handy zu erlangen.
Gargellen Eine Woche offline – ohne Handy und Social Media. Klingt nach purer Erholung, doch vielen fällt es unheimlich schwer, nicht das Handy in die Hand zu nehmen, nicht bei Instagram ins Endlose zu scrollen, keine Whatsapp-Nachrichten zu schreiben und keine Reels und TikTok-Videos zu schauen. Linda Meixner hat deshalb das Offline Dorf ins Leben gerufen, die „weltweit erste Urlaubserfahrung, die wissenschaftlich fundiert einen nachhaltigen gesunden Umgang mit den Smart Devices fördert“. Ziel dieser sechs Tage in Gargellen ist es, dass man wieder bewusster Zeit im Hier und Jetzt verbringt.

Die Teilnehmer aus Deutschland und Österreich – die meisten von ihnen sind Journalisten, Autoren und Content Creator – haben in den sechs Tagen volles Programm, sodass sie die meiste Zeit abgelenkt sind und gar nicht das Bedürfnis haben, ans Handy zu gehen. Dieses mussten die Teilnehmer sowieso direkt am Ankunftstag abgeben.

Gestartet wurde am Montag in der Früh mit einer Achtsamkeitswanderung mit Wanderführerin Silvia Fleisch von Auszeit Montafon. Hierbei sollten sich die Teilnehmer im ersten Abschnitt auf das Gehen, im zweiten Abschnitt auf das Hören und im dritten Abschnitt auf das Sehen konzentrieren.

Weiter ging es mit einer Kräuterwanderung, geführt von Amelie Krämer, Hotelchefin des Hotels Heimspitze, und Monika Rhomberg, Hotelchefin des Hotels Madrisa. „Wir haben von unserem Küchenchef eine Einkaufsliste bekommen“, läutete Amelie Krämer die Suchaktion ein. Auf der Liste standen unter anderem Tannenzweige, Schafgabe, Sauerklee, Roter Klee und Wilder Thymian, die für das Abendmahl gebraucht wurden. Vor allem der Sauerklee sei einer der Hauptbestandteile des heutigen Menüs. Wer Schwammerl fand, durfte sie auch in den Korb legen. „In unserer Natur gibt es ganz viel zum Essen. Doch zu allem, was essbar ist, gibt es auch einen giftigen Doppelgänger“, warnte die Hotelchefin, genau hinzuschauen. „Wilder Thymian findet man meistens zwischen Steinen und auf Moosen“, gab Amelie Krämer, die auch Kräuterpädagogin ist und eine kleine Landwirtschaft betreibt, Tipps.

Unter den Teilnehmern war auch Autorin Claudia Rinke aus Hamburg. Die Erfahrungen im Bereich Natur, Achtsamkeit und Kreativität, die sie in den sechs Tagen gemacht hat, findet sie „wirklich toll“. Eine Woche Vorbereitungszeit haben die Teilnehmer, bevor sie komplett offline gehen. In dieser Zeit solle man den Handykonsum reduzieren, doch Claudia Rinke hat sich damit schwergetan. „Es ist eigentlich mein Abendritual, mein Handy auch dann noch zu benutzen, wenn ich bereits im Bett liege.“ Doch jetzt bei der Wanderung falle es ihr überhaupt nicht schwer, darauf zu verzichten. Im Hotelzimmer, wenn man nicht abgelenkt ist, schaut die Sache schon anders aus. „Am meisten fehlt es mir, E-Mails zu schreiben“, so die Hamburgerin.

Nach der Kräuterwanderung – die Körbe waren am Ende prall gefüllt – ging es mit einer Jause im Garten der Heimspitze weiter. Zwei Frauen vom Forschungsteam befragten in der Pause die Teilnehmer, wie ihre Vorbereitungszeit verlief und welche Erwartungen sie an diesem Experiment haben. Marion Payr aus Wien berichtete, wie sich schon im Vorfeld ihre Bildschirmzeit halbiert habe, einfach nur aus dem Grund, dass sie handyfreie Räume geschaffen hat. „Ich habe mein Handy aus dem Schlafzimmer verbannt. Mein Tag ist so viel strukturierter.“

Von den Offline-Tagen erhofft sie sich „Tipps für einen kontrollierten und bewussteren Handykonsum“. Sie strebt ein „Mittelding“ an. Die Bloggerin will nicht komplett auf das Handy verzichten, aber auch nicht den ganzen Tag „wie ein Zombie“ am Bildschirm verbringen. „Wenn ich das weiter so handhabe wie jetzt, wird mich das krank machen. Ich will den Moment, bevor ich das Handy in die Hand nehme, hinterfragen, ob ich das Handy gerade wirklich brauche. Einfach kurz innehalten.“ Sechs bis acht Stunden verbringt Marion täglich vor dem Bildschirm. „Das war mir gar nicht so bewusst.“

„Von 100 auf null.“ So fühlt sich Influencerin Adrienne gerade, was ihr Handykonsum betrifft. In der Vorbereitungszeit stieg sogar ihre Bildschirmzeit. „Bis fünf Minuten vor Ankunft bin ich noch am Handy gewesen.“ Auch sie erhofft sich von der Woche einen gesünderen Umgang mit dem Handy.

Andreas Koch aus Mainz dagegen genießt das Offline-Leben, immerhin hat er so eine Auszeit schon des Öfteren gemacht. „Meine Intuition hat mir gesagt, dass das hier das Richtige für mich ist.“ Eine Woche vor dem Urlaubsantritt hat er sein Social Media deaktiviert. „Dafür habe ich dann mehr auf Whatsapp und in die E-Mails geschaut“, reflektierte er.

Nach dem Lunch ging es mit Thomas Lerch, Chef der Gargellner Bergbahnen und Förster, weiter auf den Gargellner Fensterweg. Thomas Lerch erklärte die Bedeutung des Schutzwaldes für Gargellen. Hin und wieder müssen aber auch Bäume gefällt werden, zum Beispiel, wenn sie krank sind. Genau so einen Baum fällte er. In Teamarbeit zersägten die Teilnehmer dann den Baumstamm und spalteten das Holz. Immerhin brauchten sie für den Abend genug Brennholz für das Lagerfeuer. „Momentan vermisse ich das Handy gar nicht“, sagte Birgit Matejka, freie Journalistin, auf dem Weg durch den Wald.

Anna Kogler, 36 Jahre alt und aus Tirol, hat bereits letztes Jahr beim Offtober mitgemacht. Als sie im Oktober einen Monat offline war, war es für sie wie eine „Seelenreinigung“, bei der sie den „ganzen Trash aus dem Hirn rauslöschen“ konnte. „Die Störfaktoren waren weg. Ich konnte mich besser konzentrieren.“ Im Sommer machte sie dann einen Roadtrip durch Spanien, Portugal und Südfrankreich und hat dort bewusst ihre Reise nicht auf Instagram geteilt. „Ich wollte meine Erlebnisse nicht mit 10.000 Leuten auf Instagram teilen, sondern nur für mich reisen. Ich will nur dann etwas posten, wenn es mir taugt, eine Story zu machen und nicht, um es anderen recht zu machen“, sagte Anna Kogler.

Linda Meixner hat nach dem Offtober letztes Jahr nun das Offline Dorf – eine Studie im Rahmen ihrer Doktorarbeit – veranstaltet. Begleitet wird die Studie, bei der im Übrigen vermehrt Frauen mitarbeiten, durch das ISAG, das Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus. Cornelia Blank, ihre Doktormutter, steht ihr bei der Studie und Auswertung der Ergebnisse zur Seite. Das Offline Dorf ist auf den Parametern Bewegung, Entspannung, Kreativität und sozialer Austausch aufgebaut. „Jeden Parameter sollten die Teilnehmer einmal die Woche auch zu Hause einbauen“, empfiehlt Linda Meixner. Zehn Tage wurden die Teilnehmer vorbetreut, in denen sie zum Beispiel Smartphone freie Räume schaffen und auf Social Media verzichten sollten. Die Intention dahinter ist, dass man nicht direkt von 100 auf null herunterfährt, sondern sich langsam an den Verzicht herantastet.

Das ganze Dorf mit Tourismusbetrieben und den Bergbahnen stehe hinter dem neuen touristischen Angebot, welches die Sommersaison verlängern soll. Linda Meixner will mit ihrem Projekt den Gesundheitstourismus nach Gargellen bringen. Ihre Vision ist es, dass Betriebe „auf Gargellner Art“ zusammenarbeiten und man gemeinsam die Ressourcen, die das Bergdorf bietet, nutzt.

Neben einer Kräuterwanderung machten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch Yoga im Valzifenztal, gingen Eisbaden mit Eisschwimm-Weltmeister Josef Köberl, brunchten auf der Hochebene und machten bei einem Nature Design Camp mit. Sie aßen an einer großen Tafel zu Abend auf der Wiese des Hotels Heimspitze, genossen die Stille und Zeit für sich, machten Atemübungen und überwanden ihre Grenzen bei einem Klettersteig. Jeden Abend gab es ein Impulsgespräch am Lagerfeuer, unter anderem auch um die wissenschaftliche Grundlage des Wochenprogramms mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zu reflektieren. Nach den sechs Offlinetagen gibt es eine Nachbetreuung, bei der die Teilnehmer die Erlebnisse Revue passieren lassen können.

„Der Digital Detox ist ein künstlicher Raum und soll nicht als Lösung für den Alltag gesehen werden. Es geht nicht darum, in Zukunft gänzlich auf die Technik zu verzichten, im Gegenteil, die Technik ist fantastisch in ihrem Können und unabdingbar in unserem Alltag und hilft uns sehr, aber wir haben damit noch keinen gesunden Umgang gelernt. Im Offline Dorf ist es möglich, wieder einmal zu spüren, wie es ohne Technik ist, um anschließend im Alltag damit eine bessere Balance zu finden“, erklärte sie.

Linda Meixner will mit ihrem Offline Dorf in Zukunft verschiedene Zielgruppen ansprechen, eine davon könnte der HR-Bereich anhand von Business Offsite Events im Gesundheitsbereich sein. Nach dem Doktor will die Gargellnerin weiter forschen und eine Interventions-Toolbox für einen gesünderen Umgang mit der Technik entwickeln. Den Offtober (eine Woche ohne soziale Medien) könnte sie in Zukunft auch mit Schulklassen durchführen, denn einige Anfragen seitens von Schulen hat sie schon erhalten. „Ich will Pionierarbeit leisten.“