“Klimakrise ist in erster Linie eine Gesellschaftskrise”

VN / 19.09.2023 • 13:15 Uhr
Peter-Paul Pichler arbeitet am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung.<span class="copyright"> pichler/vn</span>
Peter-Paul Pichler arbeitet am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. pichler/vn

Wissenschaftler Peter-Paul Pichler erläutert den Zusammenhang zwischen Menschen und Klimawandel.

Darum geht’s:

  • Die Klimakrise ist eine Gesellschaftskrise mit existenziellen Bedrohungen.
  • Die Ursachen liegen in der Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften.
  • Der Kohlendioxidausstoß muss auf null gebracht werden, um die Erderwärmung zu stoppen.

Bregenz Vor einiger Zeit erschütterten Bilder von verheerenden Bränden aus Hawaii die Welt. In der Türkei sowie in Teilen von Spanien und Italien wurden knapp unter 50 Grad Celsius vermerkt. Flutkatastrophen werden immer häufiger, zuletzt in Libyen. Die Auswirkungen der Klimakrise nehmen weiter ihren Lauf. Diese sind durchaus mit der Bevölkerung verbunden, wie Wissenschaftler Peter-Paul Pichler erklärt: “Die Klimakrise ist in erster Linie eine Gesellschaftskrise. Ihre Auswirkungen bedrohen die existenziellen Grundlagen aller globalen Gesellschaften noch in diesem Jahrhundert.” Der gebürtige Vorarlberger ist am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung seit 15 Jahren tätig und beschäftigt sich mit diesem Thema. “Das liegt daran, dass die Ursachen der Klimakrise sehr grundlegend mit der Art und Weise zusammenhängen, wie wir leben und wirtschaften”, sagt Pichler.

Peter-Paul Pichler ist gebürtiger Bregenzer. <span class="copyright">pichler</span>
Peter-Paul Pichler ist gebürtiger Bregenzer. pichler

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Seit der Industrialisierung steigen die fossile Energienutzung und die damit verbundenen Emissionen exponenziell an. Kohle, Öl und Gas galten früher wie heute als Grundlage des Wohlstands. “Die fossile Industrie ist die globale Schlüsselindustrie der letzten hundert Jahre. Keine andere Industrie hat so viel Geld verdient, so viel Macht angehäuft und die globale politische und physische Infrastruktur nach ihren Bedürfnissen gestaltet. Spätestens seit den Siebziger- jahren wusste diese Industrie aus eigener Forschung um die katastrophalen Folgen des CO₂-Ausstoßes”, erklärt der Experte.

"Klimakrise ist in erster Linie eine Gesellschaftskrise"

Dabei ist besonders zu beachten, dass die Erderwärmung nicht vom jährlichen CO₂-Ausstoß, sondern von der Konzentration dieser Treibhausgase in der Atmosphäre abhängt. “Das heißt, selbst wenn wir es schaffen, die jährlichen Emissionen zu reduzieren, wird es nicht wieder kühler, sondern nur weniger schnell wärmer. Die Erwärmung hört erst auf, wenn wir gar kein CO₂ mehr in die Atmosphäre abgeben.” Da Kohlendioxid über Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibt, lässt sich für einen bestimmten Temperaturanstieg ein sogenanntes CO₂-Budget berechnen, also die Gesamtmenge an CO₂-Emissionen, die ausgestoßen werden darf, bis sich die Erde beispielsweise um 1,5 Grad erwärmt. “Es kommt also bei allen Klimazielen nicht darauf an, wann wir aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen, sondern wie viel wir bis dahin noch verbrennen. Das Budget von 1,5 Grad ist bei den heutigen Emissionen in etwa 6 Jahren aufgebraucht”, sagt Pichler.

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Die aktuelle Debatte ist vor allem von den direkten Auswirkungen des Klimawandels wie Starkregen und Dürren geprägt, meint Pichler. “Vorarlberg ist eine wohlhabende Region mit guter Infrastruktur und hat daher viele Möglichkeiten, sich an die Folgen anzupassen. Diese werden auch weniger dramatisch ausfallen als in vielen anderen Regionen der Welt. Überspitzt gesagt, ein Murenabgang da und dort oder ein teilweiser Ernteausfall sind für die Betroffenen dramatisch, stürzen das Land aber nicht gleich in eine tiefe Krise”, verdeutlicht der Wissenschaftler. Was jedoch ein Grund zur Besorgnis ist, seien Hunger, Krieg, Seuchen und Millionen Menschen, die nicht mehr in ihrem Zuhause leben werden können. Alleine bei einer Erderwärmung von zwei Grad wird es es vermutlich in Teilen der Tropen nicht mehr möglich sein zu leben. Dort kommt aber die Hälfte der Weltbevölkerung her. “Wir brauchen eine ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung damit, wie wir ein gutes Leben für alle innerhalb planetarer Grenzen erreichen können.” Der Weg dazu ist bekannt: Raus aus den fossilen Energien. “Fast die gesamte Industrie muss so schnell wie möglich abgewickelt werden. Das Gegenteil ist der Fall”, sagt Peter-Paul Pichler. Die Subventionen für fossile Energieträger lagen im Jahr 2022 bei 7 Billionen Dollar. “Das ist so viel wie noch nie. Stattdessen müsste viel mehr in den schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien investiert werden.” Um das als ein Kollektiv machen zu können, ist vor allem eines wichtig: “Man muss sich bewusstmachen, dass man nicht dem Klima, sondern sich, seiner Familie, der Gesellschaft und allen Lebewesen unseres Planeten etwas Gutes tun sollte.”

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