„Kultur ist alles, aber nicht alles ist Kultur“

Der Kulturverein allerArt feierte im Rahmen einer Kulturwoche in der Remise Bludenz das 35-jährige Jubiläum.
Bludenz „35 Jahre Kulturverein allerArt ist ein Grund zu feiern. Ich finde es einfach großartig, dass diese abwechslungsreiche kulturelle Veranstaltungswoche heute Abend mit einem Vortrag des Philosophen Konrad Paul Liessmann ihren Abschluss findet“, zeigte sich Susanne Ammann vom Vorstand von allerArt am vergangenen Samstag begeistert.

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Auch Wolfgang Maurer, Obmann von allerArt, betonte die vielseitige Wirkweise von Konrad Paul Liessmann: „Er ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt, weil er sich in Kolumnen, Essays und Vorträgen mit den kritischen Themen unserer Zeit auseinandersetzt. Und neben all dem Involviertsein in die unmittelbare Gegenwart schafft er es, so wunderbare Bücher zu schreiben wie ‚Alle Lust will Ewigkeit‘, ein Buch, in dem er anhand von elf Gedichtzeilen von Friedrich Nietzsches Mitternachtslied aufzeigt, was es heute heißen könnte, Mensch zu sein.“




Im nachfolgenden Vortrag mit dem Titel „Kultur ist alles, aber nicht alles ist Kultur“ ging der renommierte Philosoph auf das Verhältnis zwischen Kultur und Kunst ein, aber auch auf die Probleme, die durch diese Abgrenzung entstehen. „Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil von Kultur“, erläuterte er. Kultur bestehe unter anderem darin, Gegenstände ästhetisch zu gestalten und aus einer gewissen Ritualisierung: „Spontanität läuft der Kultur zuwider.“

Geburtsstunde der Kunst
Ab einem bestimmten Punkt in der Menschheitsgeschichte wurde begonnen, Dinge herzustellen, die schön sind und keinem anderen Zweck dienen, als sich daran zu erfreuen.

Die Geburtsstunde der Kunst liegt in der Höhlenmalerei. Außerdem hob er die Bedeutung der oralen Geschichtenweitergabe hervor: „Von Geschichten wurde zwar niemand satt, sie waren für das Überleben nicht notwendig, aber sie förderten die Entfaltung von Fantasie und vertrieben die Zeit. Diese Entwicklung war das Gegenteil zu den Tüchtigen, die außerhalb der Höhle auf der Jagd waren. Die Höhlenbewohner, die zurückblieben, waren zur Muße verurteilt.“


Künstlerische Aktivitäten wurden als sekundäres Phänomen aufgefasst, als etwas Überflüssiges: „Das ist heute noch so. Denn wenn es ernst wird, wird bei Kunst eingespart. Auch wenn die Lebensweise noch so karg ist, sind wir im Erzählen von Geschichten frei. Und es gilt diese Freiheit zu verteidigen, und zwar nicht nur auf den Schlachtfeldern der Ukraine, sondern auch an den Schulen Österreichs“, so Liessmann. Die Freiheit berge aber immer auch das Risiko, missbraucht zu werden: „Abgründe kennzeichnen auch das Menschliche. Die Mehrdimensionalität des Menschseins steckt in uns. Film und Literatur bieten die Möglichkeit auszuloten, wozu Menschen fähig sein können. Schüler, die in einem guten Deutsch- oder Englischunterricht Shakespeare kennengelernt haben, waren von dem Angriffskrieg Putins nicht überrascht.“



Liessmann fasste zum Schluss pointiert zusammen: „Kunst ist letztlich das, was dem Menschen, diesem fehlerhaften, eitlen und nicht besonders intelligenten Wesen gelingen kann, was einfach da ist und keiner besonderen Rechtfertigung bedarf.“ BI