Mehr Suizide in Vorarlberg, österreichweit steigen die Zahlen deutlich

Experten zeigen Auffälligkeiten und erklären die Hintergründe.
Bregenz Die Zahl der Suizide hat zugenommen. In Vorarlberg leicht, österreichweit deutlich. Das geht aus dem aktuellen Suizidbericht der aks gesundheit hervor, der anlässlich des Suizidpräventionstages am 10. September veröffentlicht wurde. Die genaue Entwicklung sowie mögliche Erklärungen zeigten die Experten bei einem Pressegespräch am Freitag auf.
Für das Jahr 2022 weist die Statistik Austria für Vorarlberg 44 und für ganz Österreich 1276 Suizide aus. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor waren es in Vorarlberg 41 und österreichweit 1099. Vor allem in Tirol und Wien seien die Zahlen angestiegen. Vorarlberg ist das Bundesland mit der geringsten Suizidziffer, also umgerechnet auf die Anzahl pro 100.000 Einwohner. Sie liegt bei 10,9 und damit deutlich unter dem von der WHO um die Jahrtausendwende ausgegebenen Ziel von 15. In den 1980er-Jahren lag sie für Vorarlberg noch über 20.
Krisen als Erklärung
Den Anstieg im Vergleich zu 2021 erklären die beiden Autoren Reinhard Haller und Albert Lingg einerseits mit Folgen der Coronapandemie und andererseits mit den Auswirkungen der vielen Krisen, die im vergangenen Jahr präsent waren. “Dass die natürlich zu einer Erhöhung der psychischen Probleme und in weiterer Folge auch der Suizidzahlen führen, liegt auf der Hand”, sagte Haller. Das müsse man also ganz besonders beachten.
Unter den sozialen Belastungen, die das Suizidrisiko erhöhen, stehe neben Familien- und Partnerschaftsproblemen die Arbeitslosigkeit durchgehend an erster Stelle, lautet eine weitere Erkenntnis des Berichts. Zudem wird seit 2006 das Phänomen der Suizidforen im Internet beobachtet. Neben Selbsthilfeangeboten liefern sie auch Pro-Suizid-Angebote und sind daher nicht unumstritten.

Sorge bereiten weiterhin die Suizidversuche. Da die Dunkelziffer sehr hoch ist, gibt es keine genauen Daten dazu. “Hier geht man davon aus, dass auf jeden zum Tod führenden Suizid etwa 20 bis 50 Suizidversuche fallen”, informierte Haller. “Sie sind auf jeden Fall immer als Hilferuf zu verstehen.”
Ein Thema, das in Zukunft weiter aufkommen wird, ist der Assistierte Suizid. Seit Beginn 2022 ist er in Österreich möglich. “Laut Sozial- und Gesundheitsministerium wurden 111 Sterbeverfügungen notariell errichtet”, berichtete Lingg. In 90 Fällen sei das Suizidmittel in der Apotheke geholt, aber nur im einstelligen Bereich auch eingenommen worden. Die Experten rechnen mit steigenden Zahlen. Haller sagt aber auch: “Jeder Mensch hat das Recht, mit dem Halt einer helfenden Hand statt durch eine todbringende Hand zu sterben.”
Mehr Männer als Frauen betroffen
Was die Geschlechterverteilung angeht, waren auch 2022 wieder mehr Männer von Suizid betroffen als Frauen. Das Verhältnis liegt bei etwa eins zu drei bis vier. “Das hat vor allem auch damit zu tun, dass die Suizide von Frauen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sind”, erläuterte Lingg. Genetische Veranlagungen und andere Hormone sind hierfür beispielhafte Erklärungen.
Zudem sei die Zunahme der Suizide mit dem Lebensalter in Vorarlberg minder ausgeprägt als national. Ein Kindersuizid wurde 2022 registriert. Ein Ereignis, das nur alle vier, fünf Jahre auftrete, sagte Lingg. Bislang habe es keine Zunahme bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegeben. Österreichweit sieht das anders aus. Laut der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) haben sich die Zahlen verdreifacht.

Über die Jahre haben sich neue Risikogruppen gebildet, zum Beispiel in den Gesundheitsberufen. Vor allem bei Tierärztinnen. Im Vergleich zu anderen hochqualifizierten Berufen ist das Suizidrisiko am höchsten. Die hohe Belastung, eine ausgeprägte Hierarchisierung sowie die Nähe zu Tötungsinstrumenten sind mögliche Erklärungen.
“Die größte Sorge macht uns der Suizid des Mannes im mittleren Lebensalter”, sagte Haller. Hier sei es eindeutig zu einer Zunahme gekommen. “Wir glauben, das sind nicht erkannte und nicht angesprochene Depressionen und Burnout-Zustände”, berichtete Haller. Ein zunehmendes Problem sei darüber hinaus Mobbing.
Hilfsangebote
Doch neben diesen kritisch zu beobachtenden Entwicklungen ist der Trend insgesamt ein positiver. Die Enttabuisierung des Suizidthemas, der Ausbau der psychosozialen Dienste und ein strenges Waffengesetz tragen ihre Früchte. Dennoch war es Oliver Rohrer, Leiter der Sozialpsychiatrischen Dienste bei der aks gesundheit wichtig, auf die psychosozialen Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Zum einen gibt es in allen Bezirken Anlaufstellen für Hilfesuchende, und zum anderen bietet der aks für Laien den Kurs “Erste Hilfe für die Seele”, in dem es um die psychische Gesundheit geht.
Hilfe gibt es auch bei der Suizidprävention Austria.
Die Telefonseelsorge ist unter der Nummer 142 immer erreichbar.