“Lehre darf kein Plan B sein”

VN / 07.09.2023 • 18:00 Uhr
Claudia Plakolm war zu Beusch bei den EuroSkills. <span class="copyright">BKA/Dunker</span>
Claudia Plakolm war zu Beusch bei den EuroSkills. BKA/Dunker

Jugendstaatssekretärin Claudia Plakolm im Interview mit den VN.

Danzig Die Berufseuropameisterschaften EuroSkills nehmen weiter ihren Lauf in der polnischen Hafenstadt Danzig. Junge Fachkräfte kämpfen gegeneinander ums Gold. Staatssekretärin Claudia Plakolm hat die österreichischen Teilnehmer besucht und ihre Unterstützung gezeigt. Im Gespräch mit den VN hat Plakolm erläutert, wie wichtig Lehren sind. 

Österreich hat 44 Teilnehmer ins Rennen geschickt.  Was für ein Signal sendet das nach außen?

Wir haben als Österreich eine Favoriten-Rolle und stellen die größte Delegation. Das zeigt, dass wir eine Weltmacht sind, wenn es um junge talentierte Fachkräfte geht in der Industrie, im Handwerk, bei den Dienstleistungen und vielem mehr.

Hier dreht sich gerade alles um Fachkräfte. Immer mehr Menschen gehen studieren. Müssen wir junge Leute mehr für eine Lehre motivieren?

Wir haben knapp über 200 Lehrberufe in Österreich. Da muss man überhaupt den Überblick bewahren können. Darum plädiere ich für den Ausbau der Berufsorientierung, insbesondere in den Pflichtschulen. Gerade bei den Mädchen sind österreichweit seit Jahren unangefochten immer dieselben drei Lehrberufe am beliebtesten. Unter den Top drei sind Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Friseurin, wobei Vorarlberg ein positiver Ausreißer ist, weil hier die Metalltechnikerin auch vorne dabei ist. Ich glaube, dass Berufsorientierung ein wesentlicher Schritt ist, dass man über die Möglichkeiten Bescheid weiß. Gerade deswegen bieten sich die EuroSkills als eine großartige Gelegenheit an, um zu sehen, was einen in unterschiedlichen Berufsfeldern erwartet. Wir brauchen kluge Köpfe in den Ausbildungen und da darf es nicht sein, dass die Lehre als Plan B abgestempelt wird.

Fachkräftemangel ist auch ein Thema. In der Pflege besonders. Jetzt soll die Pflegeausbildung im Zivildienst helfen. Wie?

Etwa die Hälfte der Zivildiener können am Anfang ihrer Zivildienstzeit eine Grundausbildung „Pflege“ machen, die dauert mehrere Wochen. Danach entlasten sie tatsächlich die Pflegeprofis und schauen ihnen nicht nur über die Schulter. Sie haben damit auch eine Ausbildung am Ende des Dienstes. Der Zivildienst ist damit auch ein Türöffner für Männer in den Sozialbereich.

Reicht das als Entlastung für die Pflegekräfte?

Die Zahlen zeigen bereits, dass der Zivildienst der Headhunter für den Sozialbereich ist. Viele Burschen entscheiden sich aufgrund der neunmonatigen Erfahrung für einen Beruf im Sozialbereich.

Die Staatssekretärin war begeistert von den Berufseuropameisterschaften. <span class="copyright">BKA/Dunker </span>
Die Staatssekretärin war begeistert von den Berufseuropameisterschaften. BKA/Dunker

Als Zivildiener ist man über 18 Jahre alt. Die Pflegelehre ist ab 15 Jahren. Ist das nicht zu früh?

Ich habe selbst letztes Jahr in Vorarlberg im Antoniushaus in Feldkirch mit jungen Pflegelehrlingen gesprochen. Ich habe den Eindruck und die Überzeugung: Was kann uns Besseres passieren als junge Leute, die in der Pflege arbeiten wollen und das Gespür für ältere Menschen mitbringen. Aus ganz pragmatischen Gründen sind uns oft junge Leute weggefallen, die sich für einen anderen Beruf entschieden haben, weil sie eben nicht mit 15 Jahren eine Pflegelehre machen durften. Und sie wechseln später nicht, wenn sie die vorherige Ausbildung nicht abgeschlossen haben. Wir suchen händeringend nach Pflegekräften und deswegen setzen wir die neue Pflegelehre um.

Zum Abschluss, was hat Ihnen hier in Danzig besonders gefallen?

Mich hat am meisten das enorme Herzblut inspiriert, das man beim Durchgehen spürt. Ich habe es beim Vorbereitungsseminar bereits gesehen. Es ist unglaublich, wie viel Ehrenamt dahintersteckt. Das beeindruckt mich extrem und zeichnet unsere österreichische Delegation aus.