So viel wie seit Jahren nicht: Bodenseeufer lockt Treibholz-Jäger an

Nach dem Hochwasser ist vor allem am Rohrspitz viel Holz angeschwemmt worden.
Höchst In kurzer Hose und Gummistiefeln stapft Waltraud Schobel durchs knietiefe Wasser. Ihr prüfender Blick wandert die einzelnen Holzstämme entlang. Dann greift sie zu, packt ein großes Stück und wirft es an den Strand. Anschließend geht die Suche weiter.
Sonst liegen hier die Badegäste in der Sonne. Am Mittwoch zeigt sich am Rohrspitz aber ein anderes Bild. Das Ufer im Badebereich ist von einem Teppich aus Holz bedeckt. Trotzdem ist der Strand gut besucht. Ausflügler, Schaulustige und Holzfischer sind an den Bodensee gekommen. Die Gemeinde Höchst hatte den Zugang zum Ufer beim Restaurant Glashaus für die Bevölkerung geöffnet und das Einsammeln von Schwemmholz erlaubt. Aber nur in diesem Bereich.


Das Holz hatte sich nach dem Hochwasser der vergangenen Tage dort gesammelt. Und zwar in großen Mengen am Vorarlberger Ufer. „Das ist eine normale Menge, abnormal ist, dass sie am österreichischen Ufer angeschwemmt wurde“, sagt Stefan Blum, in Höchst für Infrastruktur, Umwelt und Landwirtschaft zuständig. Normalerweise finden sich solche Mengen nämlich nur auf der deutschen Seite.

Brennholzvorräte füllen
An so viel Treibholz kann sich auch die Lustenauerin Waltraud Schobel nicht erinnern. Und am besten findet sie, dass es an dieser Stelle so leicht zugänglich ist. Gemeinsam mit ihrem Mann Karlheinz füllt sie die Brennholz-Vorräte. „Als wir das im Internet gesehen haben, haben wir gewusst, heute gehen wir“, erzählt Schobel. Ihr Mann bringt derweil schon die erste Fuhre nach Hause und holt eine neue Kettensäge. Denn das Treibholz einzusammeln, ist eine anstrengende Sache – für Mensch und Maschine.
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1995 sei das letzte Mal so viel Holz angeschwemmt worden, berichtet Wilhelm Nenning aus Hard. Gemeinsam mit Sigi Rohner sammelt er lange Baumstämme ein. Das sieht schon ziemlich geübt aus. Kein Wunder, schon als kleine Buben begleiteten die beiden ihre Väter zum Holzfischen. Rohner steht mit einem langen Haken im Wasser und fängt die großen Brocken ein, dann bindet er ein Seil darum und Nenning zieht das Bündel an Land. Anschließend kommt es mit dem Greifarm auf den Anhänger. Bis zu drei Kubikmeter Holz kommen am Mittwoch zusammen. Brennholz für die kommenden Monate.


„Sonst wird hier nicht so viel angeschwemmt“, sagt Nenning. „Da muss man auf Zack sein, weil sonst ist nach einer halben Stunde alles wieder weg.“ Diesmal gibt es aber genug für alle. Wobei laut Rohner am Dienstag noch deutlich mehr dagewesen sei. Wind und Strömung hätten schon etwa ein Drittel weggeschwemmt.

Dennoch ist die Menge am Rohrspitz beträchtlich. „Damit sind wir nicht vertraut“, gesteht Stefan Blum. Der Höchster Hafen wurde vorsorglich gesperrt, ansonsten ging es am Mittwoch darum, die Gegebenheiten zu eruieren und Expertenmeinungen einzuholen.
Gefahren durchs Treibholz
„Die Lage muss sich erst einmal stabilisieren, dann können wir die nötigen Maßnahmen ergreifen“, sagt Walter Niederer, Natura-2000-Regionsmanager. Er hat neben dem Schwemmholz auch die umgestürzten Bäume im Blick. Zudem warnt Niederer vor möglichen Gefahren. „Auch, wenn das Treibholz größtenteils weg ist, sollte man mit dem nötigen Respekt ins Wasser gehen. Wenn Holz unter der Oberfläche schwimmt, kann es für Schwimmer und Boote gefährlich werden.“ Und Drüberlaufen sei gar keine gute Idee.


Blum möchte zudem verhindern, dass das Schilfgebiet beeinträchtigt wird. Schon kleinere Mengen hätten das Schilf früher für Jahre zerstört. Irgendwann muss das Schwemmholz also wieder weg. Und für den Fall, dass die Natur das nicht von selbst schafft, hat die Gemeinde bereits Lösungsansätze. „Normalerweise wird es abgelagert, getrocknet und zu Hackschnitzeln verarbeitet – so etwas könnte auch heuer möglich sein“, sagt Blum. Bis die speziellen Maschinen dafür kommen, könnte es aber ein paar Tage dauern.

Markus Hämmerle hat eine ganz andere Idee, was er mit dem Holz anfängt. Als Lustenauer reize ihn das Hochwasser sowieso. Schon als Kind ging’s zum Holzfischen an den Rhein. Heute wohnt Hämmerle in Höchst. „Als ich gesehen habe, dass es am Rohrspitz so viel Schwemmholz gibt, musste ich natürlich herkommen, um etwas zu holen“, erzählt er.
Und was macht er nun damit? „Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der es nicht zum Feuermachen verwendet, sondern für die Biodiversität“, sagt er. Das Totholz sei eigentlich noch gar nicht tot, sondern könne als Nutzraum für viele Insekten dienen. Sein Plan: Er packt die Holzstämme in eine ungestörte Ecke in seinem Garten. Dort können sie vor sich hinvegetieren und einen Rückzugsort für die Natur bieten. „Ich hoffe, dass eines Tages Wildbienen ihr Quartier dort finden.“

Beruflich hat er gar nichts mit diesem Bereich zu tun, sondern beim Hausbau einfach gemerkt, dass immer mehr Lebensräume zerstört werden. „Da dachte ich, es wäre doch ganz lässig, der Natur ein bisschen zurückzugeben“, sagt Hämmerle. „Das wird immer propagiert, aber irgendwo muss man dann auch mal anfangen.“
