Ein Glücksfall in Wolfurt

VN / 24.06.2023 • 05:30 Uhr

Das schlichte, dunkle Holzhaus mit Satteldach von Architekt Tonko in Wolfurt ist ein Paradebeispiel gelungener Verdichtung.

Text: Isabella Marboe | Fotos: Cornelia Hefel

Wolfurt Mut und Vertrauen stecken hinter dem schlichten Holzhaus mit Satteldach und Gaupen von Architekt Christian Tonko in Wolfurt. Der Bauherrin war ihr geerbtes altes Haus zu groß, eine bekannte Kleinfamilie suchte eine Bleibe mit Garten. Gemeinsam gründeten sie eine Errichtergemeinschaft, Architekt Tonko plante das neue Haus und zog auch gleich ein. Neben ihm lebt nun die Familie im Erdgeschoß, über ihm die Bauherrin im ersten Stock. Das Dachloft darüber ist noch frei. So geht Verdichtung!

Sonnenseite: Alle Freiflächen und Öffnungen – Balkone, Terrassen, Fenster(türen) – sind nach Süden zum Garten hin orientiert.

In der Wohnung der Bauherrin im ersten Stock hängt es noch als Zeichnung an der Wand: das Holzhaus in Strickbauweise mit den Fensterläden, dem steilen Satteldach und der vorwitzigen Gaupe. Es war ihr Elternhaus und stand früher da. „Mein Vater wurde hier geboren und er ist hier gestorben,“ sagt sie. Nach seinem Tod erbte sie es. Es hatte nur einen Kamin, keinen Balkon, war alt, nicht isoliert und viel zu groß für sie allein. „Ich fragte mich, was ich tun sollte. Alles verkaufen?“

Schattenseite: Zur Straße im Norden gibt sich das Haus zugeknöpft: Nur das Vordach beim Eingang und drei Fenster brechen aus der Fassade aus.

Auch eine bekannte Kleinfamilie war unzufrieden mit ihrer Wohnsituation. Die Kinder waren gewachsen, sie suchten eine Bleibe mit Garten. „In Wolfurt kennt man einander, meine Eltern stellten den Kontakt her“, erzählt Architekt Christian Tonko. Bauherrin und Familie bewiesen Mut und Vertrauen zueinander und in die Zukunft. Sie gründeten eine Errichtergemeinschaft, um anstelle des alten ein neues Haus zu bauen. Christian Tonko plante es, es entspricht seiner Haltung als Architekt. „Ich vertrete die Philosophie der moderaten Verdichtung. Wir konnten mitten im Ort statt einem Einfamilienhaus ein Gebäude mit vier Wohneinheiten errichten.“ Schon einmal hatte er in Wolfurt ein Mehrparteienhaus geplant.

Ein Glücksfall in Wolfurt
Wasser: Sieben Stufen unter dem Garten bildet der Rickenbach die östliche Grundgrenze.

Pietätvoll tritt der Neubau in die Fußstapfen seines Vorgängers: Er hat ein steiles Satteldach mit Gaupe und sprengt den Maßstab seiner Umgebung nicht. Seine Haupttragstruktur ist aus Holz – Brettschichtholzdecken und ausgefachte Holzständerwände auf einem Betonkeller. Das groß-zügige, einläufige Stiegenhaus und der Lift sind aus Stahlbeton. Die Fassade aus vertikalen, dunkel gebeizten Fichtenlatten ist ein Schirm mit Bodenbrett und Steg. Sie wirkt sehr edel. „Es ist eine klassische Scheunenfassade, die Art der Beize erhöht die Haltbarkeit, das Erscheinungsbild bleibt konstanter.“

Ein Glücksfall in Wolfurt
Die Fenster sind als abstrakte Öffnungen in die Fassade gestanzt, bei Sonnenschein spiegelt sich der Himmel in den Gläsern.

Die Fenster sind als abstrakte Öffnungen in die Fassade gestanzt. Bei Sonnenschein spiegelt sich der Himmel in den Gläsern, bei neutralem Licht wirken die hellen Fensterrahmen wie Streiflichter auf dunklem Grund. Zur Straße im Norden gibt sich das Haus verschlossen, nur das Vordach beim Eingang und drei Fenster brechen aus der Fassade aus. Alle Balkone, Terrassen und großen Fenster(türen) sind nach Süden zum Garten hin orientiert.

Ein Glücksfall in Wolfurt
Geschickt nutzte der Architekt den Geländesprung: Vom Vorraum führen sechs Stufen hinunter in die Wohnräume am Garten. Sie sind deshalb großzügige 3,40 Meter hoch.

Das Haus liegt auf einem Eckgrund am Rickenbach. Früher hatten sich hier Hammerschmiede angesiedelt, unweit begann in einer Werkstatt der Siegeszug von Doppelmayr um die Welt. Bis zum Umzug in die neue Unternehmenszentrale befanden sich deren Lehrwerkstätten hier. Das Areal hat Zukunft: Es wird nach einem Masterplan von Bernardo Bader zum gemischt genutzten Wohngebiet entwickelt.

Ein Glücksfall in Wolfurt
Jede Ebene hat hier einen Bezug zum Freiraum, sogar in das Loft am Dach ist eine riesige Terrasse eingeschnitten.

Im Osten verläuft der Rickenbach am Garten entlang, das Ufer liegt tiefer, für Kinder ist das ein Paradies, bei Starkregen kann der Bach zum reißenden Fluss anschwellen. Tonko nutzte den Geländesprung geschickt: An der Straße im Norden sind Eingang, Schlafzimmer und WC angeordnet, vom Vorraum führen sechs Stufen hinunter in die gartenseitigen Räume. Sie sind deshalb großzügige 3,40 Meter hoch. Die Wohnküche des Architekten öffnet sich mit zwei raumhohen Fenstertüren und einem Fenster auf die Terrasse am Garten. Die Familienwohnung daneben hat einen reizvollen Höhensprung zwischen der Küche, Ess- und Wohnbereich.

Ein Glücksfall in Wolfurt
Ein schlanker Stahlträger und eine einzige runde Stahlstütze genügen, um die Südfassade des Dachlofts fast über ihre gesamte Länge zu öffnen.

Die Bauherrin lebt im ersten Stock. „Am meisten fasziniert mich, dass es zu jeder Tageszeit hell ist. Jeder, der reinkommt, sagt, Wow!‘“, schwärmt sie. „Ich bin glücklich mit meinem großen Balkon. Er genügt mir als Außenraum.“ Der Garten und seine Pflege sind nun in der Hand der Familie mit ihren Kindern, die Bauherrin liebt den Kontakt mit ihnen. Jede Ebene hat ihren eigenen Freiraum, sogar in das Loft am Dach ist eine riesige Terrasse eingeschnitten. Von hier sieht man den Säntis und über das ganze Rheintal. Ein schlanker Stahlträger überspannt die Breite des Lofts, eine einzige runde Stahlstütze genügt, um die Südfassade fast vollständig zu öffnen. Bis zum First ist der Raum über fünf Meter hoch. Ein ideales Wohnatelier.

Ich vertrete die Philosophie der moderaten Verdichtung. Wir konnten mitten im Ort statt einem Einfamilienhaus ein Gebäude mit vier Wohneinheiten errichten.

Christian Tonko, Architekt

Vor dem Eingang parken E-Autos unter einem Dach aus Beton. „Die brauchen leider auch sehr viel Platz“, sagt Tonko. Das ist nicht unbedingt nur ein Nachteil. „Der überraschendste Aspekt für mich war, welchen Wert dieser Carport auch als Spielplatz hat.“

Ein Glücksfall in Wolfurt
Auch die Fensteröffnungen reichen vom Boden bis an die Decke.

daten und fakten

Objekt: Haus Rickenbach, Wolfurt

Bauherr: anonyme Errichtergemeinschaft

Architektur: Christian Tonko, www.christiantonko.com

Statik: gbd ZT GmbH, Dornbirn,

Bruno Ludescher, www.gbd.group

Fachplanung: Bauphysik: Andreas Böhler-Huber, Muntlix

Planung: 2017–2018

Ausführung: 2019–2020

Grundstück: ca.800 m²

Wohnnutzfläche: ca.400 m²

Keller: ca.100 m²

Bauweise: Die Haupttragstruktur wurde in Holzbauweise mit Brettschichtholzdecken und ausgefachten Holzständerwänden ausgeführt. Im Dachgeschoß wurde sehr sparsam ein Stahlträger eingesetzt, das Kellergeschoß ist betoniert. Das Stiegenhaus und der Personenaufzug sind in Stahlbetonbauweise ausgeführt. Der einfache Fassadenschirm besteht aus dunkel gefärbter Fichte mit Bodenbrett und Steg.

Ausführung: Generalunternehmer: Alpina Hausbau, Hard; Baumeister: Zimmermann Bau, Bregenz; Elektriker: Kirchmann, Langen; Installateur: Steurer, Andelsbuch

Energiekennwert: 28 kWh/m² im Jahr (HWB)

Baukosten: ca. 1,5 Mio. Euro

Eine Baukulturgeschichte von vai Vorarlberger Architektur Institut.

Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter Architektur vor Ort auf www.v-a-i.at. Mit freundlicher Unterstützung von der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen

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