“Über die Grenze”: Als vermeintlicher Katholik überlebt

VN / 16.06.2023 • 15:45 Uhr
Józef Wiśnicki, Sommer 1944. <span class="copyright">Familienarchiv Wisnicki, West Palm Beach Florida</span>
Józef Wiśnicki, Sommer 1944. Familienarchiv Wisnicki, West Palm Beach Florida

Józef Wiśnickis gelungene Tarnung sicherte sein Überleben.

Bludenz Mit der Geschichte von Józef Wiśnicki blicken die VN-Heimat und das Jüdische Museum Hohenems in ihrer gemeinsamen Serie auf den geplatzten Traum eines 27-jährigen Polen. Der am 2. Oktober 1916 im schlesischen Częstochowa geborene Protagonist erlebte den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Soldat der polnischen Armee. Wie Zehntausende andere polnische Juden floh er bald in den Osten des Landes, der nicht von den deutschen, sondern von sowjetischen Truppen okkupiert wurde, und landete in Lemberg.
Über sein weiteres Schicksal wird seit Juli 2022 auch im Rahmen des Projekts www.ueber-die-grenze.at berichtet. Entlang des Radwegs Nr. 1 wurden vom Bodensee bis ins Montafon nahe den Originalschauplätzen symbolische Grenzsteine errichtet, an denen via QR-Code auf verschiedene Hörspiele zugegriffen werden kann.

Deportation aus Ghetto

Als keine zwei Jahre nach Wiśnickis Flucht Nazi-Deutschland im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion auch den östlichen Teil Polens einnahm, kehrte Wiśnicki in seinen Heimatort zurück, wo seine Eltern bereits von den Deutschen zum Leben im Ghetto gezwungen worden waren. Von dort fuhren im September 1942 erstmals auch Deportationszüge ab. Unter den betroffenen Personen war auch Wiśnicki, der nicht wie zuerst angenommen in ein Arbeits-, sondern in ein Vernichtungslager geschickt wurde. Noch bevor der Zug in Treblinka eintraf, gelang es neben anderen auch ihm, durch die Oberlichte des Viehwaggons zu fliehen und erneut nach Częstochowa zurückzukehren.

Gärtnerei Schallert (ehem. Schaub) in Bludenz, 2021. <span class="copyright">Dietmar Walser</span>
Gärtnerei Schallert (ehem. Schaub) in Bludenz, 2021. Dietmar Walser

Mit der Unterstützung eines nichtjüdischen Helfers plante Wiśnicki nun seine dritte Flucht und besorgte sich dafür falsche Papiere, die ihn einerseits sechs Jahre älter machten und andererseits als römisch-katholischen Christen auswiesen. Damit schlug er sich bis nach Bludenz durch, fernab der Gegend, in der er hätte verraten werden können, denn sein Name änderte sich nicht.

Józef Wiśnickis Mitgliedsausweis des Österreichischen Widerstands, 1945. <span class="copyright">Familienarchiv</span>
Józef Wiśnickis Mitgliedsausweis des Österreichischen Widerstands, 1945. Familienarchiv

In Vorarlberg wurde er für einen Offizier der polnischen Armee gehalten und er fand Arbeit. Neben seiner Anstellung bei der Gärtnerei Schaub in der Schillerstraße wurde er durch die Vermittlung seines jungen Kollegen Elmar Schallert auch als Vertrauensmann unter den polnischen Fremdarbeitern im Auftrag des ehemals christlich-sozialen Politikers Karl Zerlauth engagiert.

Einen weiteren Fluchtversuch in die sichere Schweiz oder gar nach Liechtenstein, wie es der mit der lokalen Grenzlage nicht ganz vertraute Wiśnicki in seinen Erinnerungen später niederschrieb, wagte er schließlich nicht. So berichtet er in seinen Memoiren von einem Gespräch mit einem Grenzsoldaten in Feldkirch-Bangs, der ihm gesagt habe, dass jeder, dem die Flussüberquerung bisher gelungen sei, „von der Liechtensteiner Grenzpolizei zurückgeschickt“ worden wäre. Und Wiśnicki weiter: „Mehr brauchte ich natürlich nicht zu hören … Das zerbrach meinen Traum und ich kehrte nach Bludenz zurück.“

Bald darauf gelang es Wiśnicki im August 1944 sogar, trotz genauer Untersuchung, die Bezichtigung „Jude zu sein“ zu entkräften. Die „medizinische Beschneidung“ wurde ihm geglaubt und die Gestapohaft aufgehoben. Doch schon im darauffolgenden Jänner wurde er erneut unter Arrest gestellt und zunächst in Bregenz, später im Arbeitserziehungslager Innsbruck-Reichenau seiner Freiheit beraubt.

Rückkehr nach Bludenz

Erste jüdische Hochzeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Innsbruck, 1946. <span class="copyright">Familienarchiv</span>
Erste jüdische Hochzeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Innsbruck, 1946. Familienarchiv

Nach dem Ende der NS-Diktatur kam er nochmals nach Bludenz zurück, wo er nun tatsächlich für die polnischen Zwangs- und Fremdarbeiter verantwortlich war. Außerdem trat er der „Österreichischen demokratischen Widerstandsbewegung“ bei und erhielt dabei weiterhin die katholische Tarnung aufrecht. Erst als Wiśnicki im Herbst 1945 erfuhr, dass sich in Innsbruck jüdische Überlebende sammelten und eine Betreuung erhielten, gab er sich als Jude zu erkennen.

Im „jüdischen Büro“ in Innsbruck lernte er schließlich Leokadia Justmann kennen, die er im September 1946 heiratete. Es war die erste jüdische Hochzeit nach dem Holocaust in Innsbruck, wo das Ehepaar aber nicht mehr allzu lange verblieb. 1950 emigrierten beide in die USA. Józef Wiśnicki verstarb 2016 im Alter von 99 Jahren in Florida. RAE