“Über die Grenze”: Wie Emilie Haas der Deportation entrann

VN / 02.06.2023 • 17:50 Uhr
Bahnhofsplatz St. Gallen, um 1940. <span class="copyright">ETH Bibliothek Zürich Bildarchiv</span>
Bahnhofsplatz St. Gallen, um 1940. ETH Bibliothek Zürich Bildarchiv

Die Seniorin kämpfte nach ihrer gelungenen Flucht jahrelang um ein Dauerasyl in der Schweiz.

Höchst Im nächsten Teil der gemeinsamen Serie der VN-Heimat und des Jüdischen Museums Hohenems steht die geglückte Flucht von Emilie Haas im Fokus. An die 1878 geborene Frau aus Krefeld, die im März 1943 gemeinsam mit Elisabeth Frank den Alten Rhein durchwatete, wird seit Juli 2022 auch im Rahmen des Projekts www.ueber-die-grenze.at erinnert. Entlang des Radwegs Nr. 1 wurden, vom Bodensee bis ins Montafon, nahe der Originalschauplätze symbolische Grenzsteine errichtet, an denen via QR-Code auf die verschiedenen Hörspiele zugegriffen werden kann.

 <span class="copyright">Schweizerisches Bundesarchiv</span>Emilie Haas, 1943
Schweizerisches BundesarchivEmilie Haas, 1943

Mittellose Witwe

Als gebürtige Emilie Lehmann, kam die Protagonistin dieser Geschichte am 2. September 1878 in Krefeld zur Welt. Mit etwa 16 Jahren begann sie zunächst als Gesellschafterin für ein betagtes Ehepaar in Kreuzlingen und Wiesbaden zu arbeiten, bevor sie Ludwig Haas kennenlernte, den sie 1906 heiratete. Dieser arbeitete bald für eine deutsche Exportfirma in Shanghai, weshalb sie für einige Jahre mit ihm in die aufstrebende ostchinesische Weltstadt zog.

1931 endete die Ehe nach dem Tod von Ludwig kinderlos und Emilie kehrte als mittellose Witwe nach Krefeld zurück. Bis zu ihrer Flucht lebte sie fortan von einer kleinen Rente und ein wenig Mieteinnahmen, während sich die politische Lage in Deutschland schnell veränderte. Nach der diktatorischen Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und mit den 1935 beschlossenen „Nürnberger Gesetzen“ wurden Jüdinnen und Juden immer stärker benachteiligt und aus öffentlichen Ämtern oder Vereinen gedrängt. Bald folgten Verschärfungen wie Berufsverbote, Arisierungen und Einweisungen in Konzentrationslager; später der Massenmord im Holocaust.

Der Alte Rhein bei Höchst, heute. <span class="copyright">Walser</span>
Der Alte Rhein bei Höchst, heute. Walser

Im Juni 1942 wurde Emilie Haas von der Gestapo vorgeladen und aufgefordert, alle Vermögenswerte zur Abtretung an das Deutsche Reich anzumelden. Am 15. Juni fuhr außerdem ein Deportationszug ins KZ Majdanek ab, für den sich laut Befehl am Vortag auch Emilie Haas einfinden hätte sollen. Doch der Zug mit mehr als 900 Todgeweihten – die wenig später im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurden – fährt ohne sie ab. Mit der Unterstützung eines nicht-jüdischen Bekannten, dem Zahnarzt Heinrich Kipphardt, gelang es Emilie Haas nämlich, unterzutauchen. Kipphardt, der als Sozialdemokrat selbst bereits zweimal im Konzentrationslager einsitzen musste, brachte sie unter falschen Namen bei einem Landwirt im Sauerland als Erntehelferin unter. Im Oktober wechselte sie den Unterschlupf und gab sich als Bombengeschädigte aus, ehe sie von Kipphardt zu ihrer Cousine Elisabeth Frank nach Vorarlberg vermittelt wurde. Diese war – ebenfalls mit seiner Hilfe – schon seit einigen Monaten bei Bauern in Schruns untergetaucht. Im März 1943 trafen alle drei am Bodensee zusammen, wo die Cousinen zunächst bei einer Familie in Bregenz, dann in Höchst, untergebracht wurden. Durch das hüfthohe Wasser des Alten Rheins und den Stacheldrahtverhau auf Schweizer Seite gelangten die beiden schließlich in der Nacht vom 28. auf den 29. März über die Grenze. Sie schafften es bis zum Bahnhof in St. Gallen, wo sie ein Passant, weil sie „nass und schmutzig waren“, statt wie gewünscht in ein Hotel, zum Polizeiposten eskortierte.

Polizeirapport zum Aufgriff Emilie Haas, 29. März 1943. <span class="copyright">Schweizerisches Bundesarchiv</span>
Polizeirapport zum Aufgriff Emilie Haas, 29. März 1943. Schweizerisches Bundesarchiv

Nach mehreren Verhören, bei denen den „Emigrantinnen“ die Namen ihrer Helfer nicht zu entlocken waren, durften letztlich beide bleiben. Was folgte, war ein jahrelanger Kampf um einen Dauerasylstatus, den Emilie Haas zunächst aus einem Flüchtlingslager, bald darauf aus einem Privatquartier, führen musste und 1950 schließlich gewann. Von diesem Papierkrieg zeugt heute dichtes Aktenmaterial im Schweizerischen Bundesarchiv, in welchem seitens der Eidgenössischen Behörden mehrfach die Kostenfrage kritisiert wird. Immer wieder mussten daher verschiedene Hilfswerke, aber auch im Ausland lebende Verwandte Arzt- und Spitalskosten berappen, ehe Emilie Haas im April 1957 bei einem Arztbesuch in St. Gallen verstarb. RAE