Ein Jahr nach Horrorunfall in Rankweil: So kämpft sich Alexander Zenhäusern zurück ins Leben

VN / 02.06.2023 • 16:28 Uhr
Ein Jahr nach Horrorunfall in Rankweil: So kämpft sich Alexander Zenhäusern zurück ins Leben
zenhäusern, VN/Plesch

Über Facebook knüpfte er den Kontakt zu seinen Vorarlberger Ersthelfern. „Hätten die drei mich nicht versorgt, wäre ich verblutet.“

Rankweil/Kriessern Zur falschen Zeit am falschen Ort: Alexander Zenhäusern kennt dieses Gefühl. Im Mai 2022 war er mit seinem Motorrad in Rankweil unterwegs. Ein Auto erfasste ihn seitlich. Ein Jahr nach dem Unfall sagt Zenhäusern: „Von der einen auf die andere Sekunde ändert sich alles.“

Rückblick: Zenhäusern wohnt in Kriessern (Schweiz). Am 18. Mai 2022, einem Mittwoch, ist das Wetter schön. Das möchte der heute 56-Jährige nutzen. Nach der Arbeit setzt er sich gegen 17 Uhr auf seine Harley, um zu seinem Händler nach Rankweil zu fahren. Zenhäusern kennt die Strecke, er genießt die Sonne und die frische Luft um die Nase.

An der Unfallstelle blieb ein Bild der Verwüstung zurück. <span class="copyright">Handout: Zenhäusern</span>
An der Unfallstelle blieb ein Bild der Verwüstung zurück. Handout: Zenhäusern

Doch dann kracht es. Unfallort: Schweizer Straße Ecke Oberer Paspelsweg in Rankweil, auf Höhe des Kunert-Industrieparks. Hier gilt Tempo 50. Eine entgegenkommende Autofahrerin übersieht, dass das Auto vor ihr zum Abbiegen anhält, weil sie in diesem Moment einen Kaffeebecher in die Mittelkonsole ihres Wagens stellt. Sie reißt das Steuer herum, gerät auf die Gegenfahrbahn und rammt Zenhäusern von seiner Maschine.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.

Linke Körperhälfte komplett zerstört

All das erfährt Zenhäusern erst viel später. Mühsam sammelt er sich über Monate Informationen über den Unfall zusammen. Denn: An den Unfall selbst kann er sich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich ist das auch besser so. Vom Schlüsselbein bis zum Knöchel ist seine linke Körperhälfte quasi komplett zerstört. Der Oberschenkelknochen steht heraus, acht Rippen, das Becken und beide Arme sind gebrochen, der linke Fuß steht verdreht und quer vom Bein weg. Zudem muss ihm die Milz entfernt werden.

So sieht die Unfallstelle heute aus, aus den drei Wohnhäusern im Hintergrund kamen die Ersthelfer. <span class="copyright">VN/Plesch</span>
So sieht die Unfallstelle heute aus, aus den drei Wohnhäusern im Hintergrund kamen die Ersthelfer. VN/Plesch
Unfallort: eine unscheinbare Kreuzung an der Schweizer Straße. <span class="copyright">VN/Plesch</span>
Unfallort: eine unscheinbare Kreuzung an der Schweizer Straße. VN/Plesch

Im Krankenhaus Feldkirch wird der Schweizer über sechs Stunden notoperiert. Danach liegt er noch drei Tage im künstlichen Koma. Für seine Familie herrscht zu dieser Zeit absolute Ungewissheit über seinen Zustand. Aufgrund der Corona-Beschränkungen sind die Besuchszeiten auch in der Folge stark begrenzt, Infos werden nur dürftig weitergegeben. Doch Alexander Zenhäusern gibt nicht auf, er kämpft sich zurück ins Leben.

Dass er überhaupt die Chance dazu bekommt, hat er wohl auch drei Ersthelfern aus Vorarlberg zu verdanken. Isil Celem, Levent Orun und Murat Ciritci eilen aus einem nahegelegenen Mehrfamilienhaus sofort zur Unfallstelle. „Aus dem Oberschenkel ist so viel Blut ausgetreten, hätten die drei mich nicht versorgt, wäre ich wohl verblutet“, erzählt Zenhäusern.

Alexander Zenhäusern (blaues Shirt) trifft sich ein Jahr nach dem Motorradunfall mit seinen Ersthelfern (v. l.) Isil Celem, Levent Orun und Murat Ciritci.
Alexander Zenhäusern (blaues Shirt) trifft sich ein Jahr nach dem Motorradunfall mit seinen Ersthelfern (v. l.) Isil Celem, Levent Orun und Murat Ciritci.

Ein Jahr nach dem Unfall lernt der 56-Jährige seine Lebensretter endlich kennen. Auf Facebook hatte er einen Aufruf gestartet, um den Kontakt herzustellen. Und das klappte, der Beitrag wurde über 1.000 Mal geteilt. „Es war schon speziell, die drei persönlich kennenzulernen und mich bedanken zu können“, erzählt Zenhäusern. Und auch für seine Ersthelfer hatte das Treffen etwas Beruhigendes, denn sie wussten nie, wie der Unfall ausgegangen war.

Für Zenhäusern waren genau die drei richtigen Menschen sofort zur Stelle. Ciritci ist Berufskraftfahrer und muss jedes Jahr seine Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen. Orun ist im Sicherheitsdienst beschäftigt und dadurch ebenfalls geschult, und Celem ist Zahnarzthelferin. „Zwei weitere Helfer sind wegen des vielen Bluts in Ohnmacht gefallen“, berichtet Zenhäusern.

Die Meldung im Mai 2022 in den Vorarlberger Nachrichten.
Die Meldung im Mai 2022 in den Vorarlberger Nachrichten.

Von seiner Unfallgegnerin hat er übrigens bis heute nichts gehört. „Ich erwarte auch kein Treffen oder einen Anruf, eine Karte mit Genesungswünschen hätte mir schon gereicht“, sagt der Schweizer.

Mühsamer Weg zurück

Für ihn beginnt nach dem Erwachen in der Klinik ein mühsamer Weg zurück in einen geregelten Alltag. Es folgen zahlreiche weitere Operationen und zig Stunden Physiotherapie. Drei Monate ist er auf Reha. Sein Körper ist nach wie vor voller Metallplatten und Nägel.

Als er davon erzählt, wie sich seine Frau in dieser schweren Zeit allein um alles gekümmert hat, werden seine Augen feucht. Zenhäusern nimmt einen großen Schluck von seinem Cola-Mix.

Vorbei ist die Plagerei noch nicht, wird sie wohl nie sein. „Ich kann mein Knie nicht mehr komplett beugen, meine Frau muss mir jeden Morgen einen speziellen Strumpf anziehen“, berichtet Zenhäusern. Seinen linken Fuß wird er nie wieder normal bewegen können. „Wandern kann ich abschreiben.“

Alexander Zenhäusern hat sein Lachen nicht verloren. <span class="copyright">VN/Plesch</span>
Alexander Zenhäusern hat sein Lachen nicht verloren. VN/Plesch

Aber er lebt noch und blickt positiv nach vorn. „Ich habe gemerkt, dass andere Dinge im Leben wichtiger sind.“ Seinen Job als Telematiker übt er nur noch zu
50 Prozent aus. „Freitags habe ich immer frei und verbringe Zeit mit meinen Enkelkindern.“ Auf einem Motorrad saß er seit seinem Unfall übrigens nicht mehr – und wird er auch nicht. Obwohl er zuvor 40 Jahre lang auf zwei Rädern unterwegs war. Einen Wunsch, nur einen, hat Alexander Zenhäusern aber noch. Er blickt auf seinen dick geschwollenen linken Knöchel. „Irgendwann wieder normale Schuhe anziehen können.“