“Über die Grenze”: Wie eine Flucht über das Schlappiner Joch 1938 scheiterte

VN / 19.05.2023 • 14:45 Uhr
Jura Soyfer und Maria Szécsi, um 1937.<span class="copyright">Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien</span>
Jura Soyfer und Maria Szécsi, um 1937.Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien

Eine Sardinenbüchse in einer Zeitung wurde Jura Soyfer und Hogo Ebner zum Verhängnis.

St. Gallenkirch Im Rahmen einer neuen gemeinsamen Serie blicken die VN-Heimat und das Jüdische Museum Hohenems auf einen missglückten Fluchtversuch nahe des Schlappiner Jochs sowie die Lebensgeschichte des daran beteiligten Wiener Schriftstellers Jura Soyfer. Soyfer, der 1912 im damals noch zum russischen Kaiserreich gehörenden Charkiw zur Welt kam, floh im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern vor den Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung über Georgien und das Osmanische Reich bis nach Baden bei Wien. Im Projekt www.ueber-die-grenze.at wird ihm seit Juli 2022 eine von 52 Geschichten gewidmet.

Im Alter von zehn Jahren wurde Jura Soyfer im Realgymnasium Hagenmüllergasse in Wien Erdberg eingeschult, welches er später erfolgreich mit der Matura abschloss. Schon früh beschäftigte er sich mit sozialistischen Schriften und trat 1927 dem Verband Sozialistischer Mittelschüler bei, wo er auch seinen späteren Schicksalsgenossen Hugo Ebner kennenlernte.

Hugo Ebner und Jura Soyfer, 1929. <span class="copyright">JMH</span>
Hugo Ebner und Jura Soyfer, 1929. JMH

Der nur wenige Monate jüngere Ebner kam bereits während des Ersten Weltkriegs mit seiner Familie aus dem galizischen Stanislau (heute Iwano-Frankiwsk) nach Wien. Soyfer sammelte journalistische Erfahrung und veröffentlichte seine politischen Satiren bald in der Arbeiter-Zeitung oder der Wochenschrift „Der Kuckuck“, wobei er sich auch offen gegen den Nationalsozialismus positionierte. Außerdem verfasste er Theaterstücke und Romane und trat 1934 der im austrofaschistischen Österreich verbotenen KPÖ bei.

Jura Soyfer (sitzend rechts) mit sozialistischen Jugendlichen beim Skiausflug am Ötscher, Januar 1930. <span class="copyright">Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien</span>
Jura Soyfer (sitzend rechts) mit sozialistischen Jugendlichen beim Skiausflug am Ötscher, Januar 1930. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien

Erst kurz vor dem sogenannten „Anschluss“ wurde Soyfer im Zuge der Februaramnestie aus seiner Ende 1937 angetretenen Haftstrafe entlassen. Dem überzeugten Marxisten war klar, dass ihm mit seiner Vorgeschichte nur die Flucht blieb. Gemeinsam mit dem inzwischen als Jurist tätigen Hugo Ebner, der bereits im Vorjahr in Gargellen auf Skiurlaub weilte, beschloss er den Grenzübertritt in die Schweiz über die Berge zu wagen. Sie seien „halbwegs gute Skifahrer“, wie Ebner später über den Fluchtversuch berichten sollte, und kamen samt ihrer Skiausrüstung ungehindert per Bahn bis nach Schruns. Von dort marschierten sie bis nach Gargellen, doch auf dem Weg zum Schlappiner Joch scheiterte ihr Plan.

Dem 2017 erschienen Werk „Österreichische Pensionen für jüdische Vertriebene“ von Claudia Kuretsidis-Haider ist der weitere Bericht Ebners zu entnehmen: „Hinter Gargellen wurden wir von einer Gendarmeriepatrouille kontrolliert, die aus einem Gendarmen bestand, dem die ganze Sache nicht sehr angenehm war, einem zweiten, an den ich mich nicht mehr erinnere, und einem dritten, der offenbar ein Nazi war und der auf unserer Verhaftung bestand.“ Dabei entdeckte letzterer „eine Sardinenbüchse, die in einem […] Stück Zeitungspapier eingewickelt war“. Obwohl es sich bei der Ausgabe aus dem Jahr 1936 um eine damals legal erschienene Gewerkschaftszeitung handelte, wurde sie als illegale Zeitung und somit als Verhaftungsgrund betrachtet.

Grenztafel am Schlappiner Joch, 2022. <span class="copyright">Walser</span>
Grenztafel am Schlappiner Joch, 2022. Walser

Nach einer Nacht in St. Gallenkirch wurden die beiden Gefangenen zunächst in Bludenz von der Gestapo verhört und noch während des Frühjahrs nach Innsbruck überstellt. Im Juni 1938 folgte die Verlegung ins KZ Dachau, wo Soyfer den Text des „Dachau-Lieds“ verfasste. Das Marsch- und Durchhaltelied sollte in weiterer Folge mit der Melodie von Herbert Zipper traurige Berühmtheit erlangen.

Aufstieg zum Schlappiner Joch, heute.<span class="copyright"> Walser</span>
Aufstieg zum Schlappiner Joch, heute. Walser

Schon im Herbst folgte für Jura Soyfer die nächste Verlegung, diesmal ins KZ Buchenwald. Dort infizierte er sich bei der Arbeit im Leichenträger-Kommando mit Typhus und starb, bereits im Besitz von Auswanderungspapieren in die USA, in der Nacht zum 16. Februar 1939.

Ebner verließ dasselbe Konzentrationslager trotz erlittener Folter im Mai 1939 lebend, flüchtete nach London und kehrte 1946 nach Österreich zurück. Er engagierte sich danach als Rechtsanwalt auch für die Zuerkennung von Pensionen von jüdischen Verfolgten und verstarb 1997. RAE