“Über die Grenze”: Tragisches Ende im Vorarlberger Hof in Feldkirch

VN / 12.05.2023 • 15:30 Uhr
Der Vorarlberger Hof am Bahnhofplatz Feldkirch, vor 1940. <span class="copyright">Stadtarchiv</span>
Der Vorarlberger Hof am Bahnhofplatz Feldkirch, vor 1940. Stadtarchiv

Die traurige Geschichte des Ehepaars Michael und Emmy Schnebel.

Feldkrich Im Rahmen einer neuen gemeinsamen Serie blicken die VN-Heimat und das Jüdische Museum Hohenems auf das tragische Lebensende des Ehepaars Schnebel aus Garmisch-Partenkirchen. Im November 1938 wurden nämlich deren Leichname in einem Zimmer des Hotels Vorarlberger Hof nahe des Feldkircher Bahnhofs gefunden. Im Projekt www.ueber-die-grenze.at wird ihnen seit Juli 2022 eine von 52 Geschichten gewidmet.

Der 1867 geborene Michael Schnebel und seine um 14 Jahre jüngere Frau Emmy stammten aus Nürnberg und waren 1930 nach Garmisch-Partenkirchen gezogen. Er lehrte zuvor einige Jahre an der Ludwig-Maximilian-Universität München und beschäftigte sich insbesondere mit der Papyrusforschung.

Michael Schnebel vor 1938.
Michael Schnebel vor 1938.

Beide waren bekannt für ihren selbstironischen Humor und ihre Liebe zur deutschen Literatur. Doch als im November 1938 an unzähligen Orten im Deutschen Reich Synagogen angezündet, jüdische Friedhöfe geschändet und jüdische Menschen misshandelt und drangsaliert wurden, zog am 10. November auch durch die Straßen des oberbayrischen Marktes ein nationalsozialistischer Mob. Die jüdische Bevölkerung wurde aus ihren Häusern gejagt, beschimpft und bespuckt. Zudem mussten sie einen Revers unterzeichnen, in dem sie zusicherten „Garmisch-Partenkirchen mit dem nächsten erreichbaren Zug [zu] verlassen und nie wieder zurückkehren.“ Auch mussten Sie sich verpflichten, ihren Besitz, sämtliche „Grundstücke, Gebäude und Waren sofort von [ihrem] neuen Aufenthaltsplatz aus an einen Arier zu verkaufen“, wie der Lokalhistoriker Alois Schwarzmüller auf seiner Website www.gapgeschichte.de zu berichten weiß.

Seine Frau Emmy war 14 Jahre jünger als ihr Mann.
Seine Frau Emmy war 14 Jahre jünger als ihr Mann.

„Unbekannt wohin verzogen“

Ein SA-Mann begleitete das Ehepaar Schnebel zum Bahnhof, wo sie einen Zug nach Innsbruck bestiegen. Ihre Wohnung wurde versiegelt, das Einwohnermeldeamt notiert später auf ihrer Meldekarte: „Seit der Judenaktion unbekannt wohin verzogen.“ Noch am selben Tag erreichte das unvorbereitet aufgebrochene Paar, das über keine Reisedokumente verfügte, den Feldkircher Bahnhof. Beim Versuch die Grenze in die Schweiz zu überqueren wurde sie jedoch, mit Hinweis auf die fehlenden Pässe, zurückgewiesen.

Abschiedsbriefe

Daher mieteten sie ein Zimmer im Vorarlberger Hof am Bahnhofsvorplatz, wo sie letztmals am Abend des 11. November lebend gesehen wurden. Wenige Tage später berichtete das Gendarmeriepostenkommando Feldkirch an die übergeordneten Stellen sowie die Staatsanwaltschaft, dass Michael und Emmy Schnebel, „tot in den Betten aufgefunden wurden“. Und der Bericht weiter: „Die aufgefundenen Abschiedsbriefe und vier Glasgefäße, in denen je 10 Stück Veronaltabletten waren, lassen zweifellos auf Selbstmord schließen.“

Friedhof St. Peter und Paul in Feldkirch heute. Hier wurde das Paar ursprünglich beerdigt. <span class="copyright">Dietmar Walser</span>
Friedhof St. Peter und Paul in Feldkirch heute. Hier wurde das Paar ursprünglich beerdigt. Dietmar Walser

Letzte Ruhe in Hohenems

In beiden Briefen stand zu lesen: „Es ist das Beste, daß wir aus der Welt gehen, […] wir halten es für besser, im Vaterlande zu sterben, als in der Fremde zu verelenden. Wie Cicero bitten wir, in unserem Vaterlande sterben zu dürfen .“ Bestattet wurden sie zunächst auf dem katholischen Friedhof St. Peter und Paul, der sich unmittelbar hinter dem Hotel, in dem sie sich das Leben nahmen, befindet. Die letzte Ruhestätte von Michael und Emmy Schnebel sollte allerdings nicht in Feldkirch bleiben.

Der Jüdische Friedhof in Hohenems vor 1938. <span class="copyright">Georg Zeller</span>
Der Jüdische Friedhof in Hohenems vor 1938. Georg Zeller

Dem Gräberbuch des Friedhofs St. Peter und Paul ist zu entnehmen, dass am 22. April 1949 eine Enterdigung und „Überführung auf den israel. Friedhof Hohenems“ durchgeführt wurde. Das dortige Grabregister wurde jedoch nicht mehr ergänzt, wodurch der genaue Beerdigungsort unbekannt bleibt. In einem undatierten Aktenvermerk der Marktgemeinde Hohenems wird lediglich auf den Bericht des ehemaligen Friedhofgärtners Ferdinand Drexel hingewiesen, der kritisierte, dass die Gräber für „2 jüdische Leichen“ die „durch einen Leichenbestatter aus Feldkirch nach Hohenems“ gebracht wurden „nur 1m tief gemacht worden“ wären.

Der Student Franz Strauß

Um den wissenschaftlichen Nachlass Michael Schnebels bemühte sich übrigens ein 23-jähriger Münchner Student namens Franz Strauß, der offenbar von der Vertreibung des Wissenschaftlers erfahren hatte. An die Garmischer Polizei schrieb er: „Da nun Grund besteht zur Annahme, daß der Jude nicht mehr in Deutschland weilt und seine Wohnung der Beschlagnahme verfällt, richte ich für das papyrologische Seminar an Sie das Ersuchen, obenerwähntes Material, das für Laien völlig wertlos ist, dem papyrolog. Seminar der Universität München zu übermitteln, wenn dies möglich ist.“ Den Brief schloss er mit Hitlergruß.
Der beflissene Student selbst betätigte sich neben dem Studium im Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps als „Weltanschaulicher Referent“ im Sturm 23/M86. Bekannt wurde er später allerdings nicht als Papyrusforscher, sondern als langjähriger CSU-Vorsitzender und Bayerischer Ministerpräsident, unter seinem vollständigen Namen Franz Josef Strauß. RAE