Reines Abenteuer

VN / 06.05.2023 • 07:00 Uhr

Der Hofkindergarten Rheinhof in Hohenems hat ein neues Haus mit hohem Satteldach. MWArchitekten planten es. Was für ein Gewinn!

Text: Isabella Marboe | Fotos: David Schreyer

Hohenems Zwischen Koblacher Kanal und Rheintalautobahn liegen die Wiesen, Felder und der Rheinhof, wo Auszubildende des Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrums (BSBZ) in Hohenems ihre landwirtschaftliche Praxis erwerben. Für die Kinder des Hofkindergartens Rheinhof sind sie ein riesiger Abenteuerspielplatz. MWArchitekten planten ihnen einen neuen Kindergarten. Der Holzhybridbau mit dem hohen Satteldach passt zur Landschaft und hat großzügige, helle Räume zum Spielen und Entspannen.

Archetypisch: Der Hofkindergarten Rheinhof ist eine Art eingeschoßiges Langhaus mit Satteldach.

Der Hofkindergarten Rheinhof in Hohenems ist eine Institution. Seit September 2012 war er in einem alten, Efeu-bewachsenen Haus an der Kreuzung des Koblacher Kanals mit der Rheinhofstraße untergebracht. Südöstlich des Kanals ragen Starkstromleitungen hoch und mischen sich Industrieareale mit asphaltierten Parkplätzen unter Einfamilienhäuser und Wohnanlagen. Nordwestlich breiten sich die landwirtschaftlichen Lehrflächen des Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrums (BSBZ) aus.

Vor der Glasfassade sind die seitlichen Außenwände und das Dach um einen Meter vorgezogen und bilden einen geschützten Vorbereich am Garten.

Der mehrhüftige Schulkomplex liegt gegenüber auf der anderen Straßenseite des Kindergartens. Dahinter breiten sich die Lehrobstbäume, -felder, -beete und der Lehrbetrieb Rheintalhof des BSBZ bis zur Böschung der Rheintalautobahn aus.

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Satteldach: Das Volumen des Giebeldreiecks entwickelt eine Präsenz vor Ort. An einer Stirnseite befindet sich der Speisesaal, an der anderen der Schlafraum.

Dort erlernen Auszubildende des BSBZ ihren Beruf, in Kooperation mit der Schule dürfen auch die drei- bis sechsjährigen Hofkindergartenkinder die Lehrlandwirtschaft, ihre Pflanzen und Tiere erkunden. Sie pflegen ihre eigenen Beete, striegeln Pferde, säubern Ställe, helfen im Hofladen mit. Liebevoll werden sie „Hofküken“ genannt. Ein Hofküken zu sein, bedeutet Abenteuer pur.

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Glas: Mit hohen Scheiben öffnen sich die Räume für die Kinder zu Naturspielplatz und Streuobstwiese im Südwesten.

„Die Kinder sind die meiste Zeit draußen“, sagt Lukas Peter Mähr von MWArchitekten. Auch wenn sie fast nur bei Schlechtwetter unterschlüpften: Das alte Haus entsprach bei Weitem nicht mehr, der Mietvertrag lief aus, Mähr plante den neuen Hofkindergarten. „Hier stößt eine hohe urbane Dichte auf landwirtschaftlich genutzte Flächen“, sagt Mähr. „Dort halten sich die Kinder am meisten auf. Das ist mein inhaltlicher und architektonischer Bezugspunkt. Ich orientierte mich an der Scheune, nicht an der Schule.“  Mähr wählte eine archetypische Form: Der Kindergarten ist eine Art eingeschoßiges Langhaus mit Satteldach auf rechteckigem Grundriss. „Das Giebeldreieck ist so artikuliert, dass es ortsbaulich eine Präsenz entwickeln kann.“ Bis zur Traufe ist der eingeschoßige Kindergarten 7,5 Meter hoch – das ist innen außergewöhnlich groß-zügig und sorgt dafür, dass der Kindergarten in der weiten Feldlandschaft gegenüber der Schule nicht verloren wirkt. 

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Die breiten Bänke mit den Läden am Fenster finden in den ebenso hohen und breiten Bänken draußen ihre Fortsetzung.

Er ist sehr logisch aufgebaut. 28 Meter lang, 16 breit, zeigt er sich zur Straße hin komplett geschlossen, unmissverständlich bezeichnet ein Einschnitt den Eingang. Dort kann man bei Regen unter das Dach schlüpfen. „Wenn die Kinder aus dem Hofkindergarten draußen im Gatsch waren, sind ihre Jacken so dreckig, dass man den Reißverschluss nicht mehr findet“, erzählt Mähr. Deshalb führt die Tür links in der Eingangsnische gleich in eine Schmutzschleuse, von der die Kinder dann dreckbefreit auf den großen, zentralen Spielflur gelangen. Er mündet stirnseitig in den Schlafraum nebenan und am hinteren Ende im Nordosten in den Speisesaal. Beide Räume haben ein schönes, quadratisches Fenster mit Blick in die Landschaft.

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Der breite Spielflur mündet stirnseitig in den Speisesaal, wo alle Kinder essen. Durch ein großes, quadratisches Fenster sieht man in die Natur.

“Hier stößt eine hohe urbane Dichte auf landwirtschaftlich genutzte Flächen. Dort halten sich die Kinder am meisten auf. Das ist mein Bezugspunkt. Ich orientierte mich an der Scheune, nicht an der Schule.”

Lukas Peter Mähr, Architekt
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Die Räume für Kindergartengruppe, Nachmittagsbetreuung und Bewegung sind alle gleich groß, in jedem gibt es eine Küchenzeile.

Zu Naturspielplatz und Streuobstwiese hin ist der Kindergarten ganz verglast. Die seitlich um einen Meter vorgezogenen Außenwände bilden mit dem Dach einen geschützten Vorbereich am Garten. Dahinter reihen sich eine Gruppe Hofkindergarten, zwei Gruppen Kinderbetreuung und ein Bewegungsraum aneinander. Jeder gleich, jeder mit Küchenzeile, in der Mitte ist der Arbeitsraum der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen mit dem langen, großen Tisch. „Hier haben wir unsere Teamsitzungen, hier findet die Vor- und Nachbereitung statt, hier essen wir zu Mittag“, sagt Andrea Kren. Sie leitet die Kindertagesbetreuung.

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Der Estrich unter dem Vollholzboden ist betonkernaktiviert. Das heißt, er wird im Sommer per Erdwärme gekühlt, im Winter geheizt. So fühlen sich die Kinder am Boden spielend immer wohl.

Der Kindergarten ist ein Mischbau aus Holz und Beton, bis zu einer Höhe von 3,15 Meter sind alle Wände betoniert, auch die Lampen hängen in dieser Höhe. Das schafft einen durchgehenden Horizont. Darüber ist bis zum First alles aus unbehandelter Fichte, hinter den schmalen Lamellen gibt es ein Akustikvlies, der Estrich unter dem Vollholzboden ist aktiviert. Im Sommer wird das darin geführte Wasser per Erdwärme gekühlt, im Winter geheizt. Das ist sehr wichtig, die Kinder sollen sich wohlfühlen. „Die Kleinen spielen viel auf dem Boden, sie sind vor allem vier-füßig unterwegs“, sagt Andrea Kren. „Sonst gibt es zwischen den Gruppen für die eineinhalb- bis dreijährigen und die größeren räumlich keinen Unterschied.“ Alle haben es gleich schön.

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Zwischen den Räumen für die Nachmittagsbetreuung befindet sich der Co-Workingspace der Pädagogen und Pädagoginnen mit dem großen, langen Tisch, an dem viele Vor- und Nachbesprechungen stattfinden.

daten und fakten

Objekt: Hofkindergarten Rheinhof, Hohenems

Bauherr: Stadt Hohenems

Architektur: MWArchitekten, Hohenems, www.mwarch.org

Statik und Bauleitung: Martin Fetz, Hohenems

Fachplanung: Bauphysik: Bernhard Weithas, Lauterach; Prozessbegleitung Kommunaler Gebäudeausweis: Gemeindeverband; Baubiologie und -ökologie: Siegfried Lerchbaumer, Bludenz; energetisches Gesamtkonzept: Energieinstitut Vorarlberg

Planung: 03/2021–03/2022

Ausführung: 03/2022–09/2022

Grundstück: 1368 Quadratmeter

Nutzfläche: 450 Quadratmeter

Bauweise: Massiv bis 3,15 m; darüber Holzständerbauweise mit Zellulosedämmung, direkt beplankt mit Dreischicht-Platten

Ausführung: Holzbau: Fussenegger, Dornbirn; Fenster und Außentüren: Katzbeck, Rudersdorf; Elektro: Dorfelektriker, Götzis; Innentüren: Sternath, Hard; Tischler: Plattner, Hohenems

Energiekennwert: 26 kWh/m² im Jahr (HWB)

Baukosten: 1,6 Mill. Euro

Info: Obwohl schon in Betrieb, eröffnet der Hofkindergarten Rheinhof feierlich am kommenden Freitag, den Mai 2023 um 15 Uhr. Nach einer kurzen Zeremonie sind Besichtigungen mit dem Architekten möglich.

Eine Baukulturgeschichte von vai Vorarlberger Architektur Institut.

Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter Architektur vor Ort auf www.v-a-i.at. Mit freundlicher Unterstützung von der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen

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