Weshalb sich ein Mann NS-Tattoos stechen ließ

VN / 21.04.2023 • 15:49 Uhr
Der Mann bekannte sich im Sinne der Anklage nicht schuldig. <span class="copyright">vn/ertl</span>
Der Mann bekannte sich im Sinne der Anklage nicht schuldig. vn/ertl

Angeklagter beim Prozess: “Ich bin kein Nazi und werde auch nie einer sein!”

Von Norea Ertl

Feldkirch Weil er das Verbotsgesetz gebrochen haben soll, musste sich ein 45-jähriger Deutscher am Donnerstag am Landesgericht Feldkirch verantworten. Grund für die Anklage waren Fotos von seinem Rücken-Tattoo, die auf dem Handy eines anderen Mannes gefunden wurden. Das Motiv des Tattoos: SS-Runen und der Schriftzug “Meine Ehre heißt Treue”.

Fotos auf Handy von Freund gefunden

Gefunden wurden die Fotos bei einem alten Freund des Angeklagten, der unter Drogeneinfluss in eine Polizeikontrolle in Lindau geraten war. Dort wurde ihm sein Mobiltelefon abgenommen, woraufhin die Fotos vom Rücken des Angeklagten gefunden wurden. Der Bekannte habe die Fotos geschossen und sie danach nur an den Angeklagten weitergesendet. Gemacht hätten sie die Fotos nur, um sie dem Tätowierer zuzusenden, sodass dieser sich ein “Cover-up”-Motiv überlegen könne.

“Nationalsozialistische Wiederbetätigung”

Die Staatsanwaltschaft wirft dem deutschen Staatsbürger nationalsozialistische Wiederbetätigung vor. Außerdem seien drei weitere nationalsozialistische Inhalte auf dem Handy des Angeklagten gefunden worden. Diese seien zwar nicht Teil der Anklageschrift, trotzdem aber vielsagend über die Person an sich, wie der Staatsanwalt zu verstehen gibt.

“Er war und ist kein Nazi”

“Man bekommt über WhatsApp jeden Mist zugeschickt”, widerspricht die Verteidigerin des 45-Jährigen dem Staatanwalt in ihrem Eingangsplädoyer. Ihr Mandant sei kein Nazi, ganz im Gegenteil: In seiner Jugend sei er ein Punk gewesen, der in dieser Szene links-orientiert und auch aktiv war, zum Beispiel in Form von Demonstrationen. Das Tattoo habe sich ihr Mandant im “Suff und mit LSD zugepumpt” im Jahr 2002 in Thailand stechen lassen. “Das Motiv, das ich mir stechen ließ, gab es als Vorlage in dem Laden”, erklärt der 45-Jährige. Er habe das Motiv in seinem Rausch als Protest gesehen, wollte die Nazis ins Lächerliche ziehen. Diesbezüglich fügt er hinzu, dass es “vielleicht manchmal schwer” sei, seine Gedankengänge nachzuvollziehen.

Angeklagter bereut Motivwahl

Nach zwei Tagen Ausnüchterung habe er das Motiv dann aber bereut. Seit damals habe er es immer schon entfernen lassen wollen. Er habe dafür aber kein Geld gehabt, da er dieses für Drogen brauchte. Der 45-Jährige sei zu diesem Zeitpunkt drogenabhängig gewesen und habe wegen Geldproblemen angefangen, Drogen nach Taiwan zu schmuggeln. Deswegen wurde er dort dann zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Nach 13 Jahren Gefängnis kam dann die Begnadigung, anschließend saß er noch weitere drei Jahre in einem Gefängnis in Deutschland.

Tattoo überstochen

Ende November vergangenen Jahres begann der Angeklagte mit dem Cover-up. Danach habe er noch zwei, drei weitere Sitzungen gehabt, mittlerweile sei das Motiv auf seinem Rücken vollständig von einem neuen Tattoo überdeckt.

Freispruch

Nach einer Beratung stimmten die acht Geschworenen einstimmig für die Unschuld des Angeklagten. Der 45-Jährige wurde also von der Richterin Sabrina Tagwercher freigesprochen, das Urteil ist rechtskräftig.