Baukosten, Kreditzinsen: “Unser Wohnungstraum ist über Nacht geplatzt”

VN / 05.02.2023 • 11:00 Uhr
Baukosten, Kreditzinsen: "Unser Wohnungstraum ist über Nacht geplatzt"
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Baukonto war bereits eröffnet, die Küche angezahlt: Stefanie und Wolfgang Feuerstein schildern, warum es mit der Traumwohnung nun doch nichts wird.

Dornbirn Sie hatten sich schon so richtig darauf gefreut. Die Anzahlung für die Küche war überwiesen, der Elektriker bereits engagiert: Für Stefanie (30) und Wolfgang Feuerstein (32) war der Traum von den eigenen vier Wänden in guter Dornbirner Lage zum Greifen nah. Vor zwei Wochen musste die junge Familie dann aber die Reißleine ziehen. Explodierende Baukosten hatten den Preis für die 80-Quadratmeter-Wohnung mit Terrasse und Garten in schwindelerregende Höhen getrieben, auch die Kreditzinsen waren rasant gestiegen. “Wir mussten schließlich feststellen, dass es sich finanziell einfach nicht ausgeht”.

Wolfgang und Stefanie Feuerstein haben die Reißleine gezogen. "Es wäre sich finanziell einfach nicht ausgegangen." <span class="copyright">VN/Gasser</span>
Wolfgang und Stefanie Feuerstein haben die Reißleine gezogen. "Es wäre sich finanziell einfach nicht ausgegangen." VN/Gasser

“Am Anfang war es schon schlimm”, beschreibt Stefanie. Sie hätten sich so darauf gefreut. Auch für ihre kleine Tochter Rosalie (2). In Gedanken waren sie bereits eingezogen, das Familienglück im eigenen Garten schien perfekt. “Es ist für uns ein Traum geplatzt.” Gleichzeitig spüren die beiden mit ein paar Tagen Abstand auch Erleichterung. Sie hätten glücklicherweise noch rechtzeitig vor Vertragsunterzeichnung den Schlussstrich gezogen.

Die Enttäuschung war anfangs groß. Jetzt hoffen Wolfgang und Stefanie Feuerstein, zu einem späteren Zeitpunkt ein Eigenheim anschaffen zu können.<span class="copyright"> VN/Gasser</span>
Die Enttäuschung war anfangs groß. Jetzt hoffen Wolfgang und Stefanie Feuerstein, zu einem späteren Zeitpunkt ein Eigenheim anschaffen zu können. VN/Gasser

Dabei lief lange alles nach Plan. Die noch nicht fertiggestellte Neubauwohnung in Dornbirn passte in den Budgetrahmen. 500.000 Euro waren veranschlagt, ein Fixpreis allerdings nicht vereinbart. Stefanie und Wolfgang Feuerstein verkauften ihre Wohnung in Egg. Damit verfügten sie auch über ausreichend Eigenkapital. Die Kreditzinsen waren auf einem Tiefstand, die Finanzierung in trockenen Tüchern.

Die Preisexplosion bei den Baukosten hätte die Wohnung deutlich verteuert. Auch die Kreditzinsen sind zuletzt stark gestiegen. <span class="copyright">APA</span>
Die Preisexplosion bei den Baukosten hätte die Wohnung deutlich verteuert. Auch die Kreditzinsen sind zuletzt stark gestiegen. APA

Das war vor eineinhalb Jahren. Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, in der Folge Preisexplosion bei den Baukosten und zuletzt auch eine deutliche Anhebung der Kreditzinsen: Die gut kalkulierte Wohnungsanschaffung drohte finanziell aus dem Ruder zu laufen. Statt 500.000 Euro wären für die Wohnung plötzlich 624.000Euro fällig gewesen, mit Tiefgaragenplatz, Nebenkosten und Einrichtung hätten sich die Ausgaben rasch auf knapp 800.000 Euro summiert, rechnet Wolfgang Feuerstein, der als Lagerist in der Brauerei Egg arbeitet, vor. Gleichzeitig seien auch die Zinskosten durch die Decke gegangen. Ursprüngliche Kalkulationen waren von 1100 Euro monatlich ausgegangen, mittlerweile hätten sie sich fast verdoppelt.

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Dass trotz ausreichend Eigenkapital, zwei festen Beschäftigungsverhältnissen, die Anschaffung einer Wohnung in Vorarlberg kaum noch möglich sei, gibt den beiden zu denken. Junge Familien, selbst in der Mittelschicht, würden an die Grenzen kommen. “Sind es nur mehr Reiche, die etwas kaufen können?”, fragt der gebürtige Riefensberger. Aufgegeben haben die beiden den Traum von den eigenen vier Wänden aber dennoch nicht. “Er ist hoffentlich nur aufgeschoben”, so Stefanie Feuerstein.

Massiver Einbruch am Wohnungsmarkt

Wolfgang und Stefanie Feuerstein sind längst keine Einzelfälle. Schon mit den Zinserhöhungen und neuen Hürden in der Kreditvergabe hatte sich ab der zweiten Hälfe des Vorjahrs ein langsamer Einbruch am Wohnungsmarkt angekündigt. Makler schilderten den VN, wie Verkaufsgespräche auf der Zielgeraden scheiterten, Interessenten sich plötzlich zurückgezogen haben. Die neuen Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass sich Eigenum für viele nicht mehr realisieren lässt.

Baukosten, Kreditzinsen: "Unser Wohnungstraum ist über Nacht geplatzt"

VN-Recherchen im Grundbuch dokmentieren die Entwicklung. So liegen für den Jänner 2023 lediglich 114 Verbücherungen von Wohnungen in Vorarlberg vor. Im Jahr davor lag der Jänner-Wert noch bei 229 Wohnungen. Der Einbruch am Wohnungsmarkt lässt sich auch am langjährigen Mittel (zurück bis 2009) mit durchschnittlich 214 verbücherten Wohnungen ablesen. Weil Verbücherungen meist erst einige Monate nach den Vertragsabschlüssen erfolgen, könnte der tatsächliche Rückgang allerdings noch dramatischer ausfallen, als es die jüngsten Zahlen vermuten lassen.

Verkaufseinbruch feststellbar

Dass es bei Wohnungsverkäufen zu deutlichen Rückgängen kommen wird, wurde in der Immobilienbranche befürchtet. Die erwartete Entwicklung habe sich bestätigt, sagt Karlheinz Bayer (50), Geschäftsführer der i+R Wohnbau GmbH. Alle Marktteilnehmer würden den Verkaufseinbruch feststellen. “Auch wir spüren ihn. Es hat im Herbst begonnen und sich fortgesetzt”, so Bayer. Es sei zwar nicht so, dass gar nicht mehr gehe, aber den Rückgang beschreibt er als durchaus markant.

Karlheinz Bayer, Geschäftsführer i+R Wohnbau GmbH rechnet bei den Wohnungspreisen mit einer Seitwärtsbewegung. <span class="copyright">Marcel Mayer/i+R Wohnbau</span>
Karlheinz Bayer, Geschäftsführer i+R Wohnbau GmbH rechnet bei den Wohnungspreisen mit einer Seitwärtsbewegung. Marcel Mayer/i+R Wohnbau

Hohe Klickraten auf der Homepage mit den Projekten würden weiterhin großes Interesse dokumentieren. “Aber zum Unterschied zu früher kommen die Interessenten nicht mehr zu uns in Haus.” Karlheinz Bayer beschreibt einen deutlichen Rückgang an Verkaufsgesprächen. “Die Finanzierungsthemen sind spürbar und schlagen voll durch”, so der Geschäftsführer.

Baukosten, Kreditzinsen: "Unser Wohnungstraum ist über Nacht geplatzt"

Ändern dürfte sich daran so schnell nichts. Erst vergangene Woche hatte die Europäische Zentralbank (EZB) eine neuerliche Anhebung des Leitzinses angekündigt. Eine weitere soll im Laufe des Jahres folgen. Vor 2024 dürfte sich wohl an der Zinspolitik nichts ändern. Auch die Baukosten bleiben hoch, sagt Karlheinz Bayer. Es sei eine Fehlmeinung, dass Wohneigentum billiger werden könnte. Darauf deute jedenfalls nichts hin. Zwar gebe es bei einzelnen Baumaterialien eine preisliche Entspannung, andere wieder würden teurer und es steigen die Löhne auch im Bausektor. Bei der Preissituation sieht der Experte deshalb maximal eine Seitwärtsbewegung.

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