66 Tage lang offline: „Diese Zeit hat mein Leben verändert“

VN / 22.12.2022 • 17:20 Uhr
Linda Meixner hat während ihrer Offline-Phase ein Offline-Manifest geschrieben, das neben Text auch Illustrationen und Bilder enthält. <span class="copyright">Büro Ludwina</span>
Linda Meixner hat während ihrer Offline-Phase ein Offline-Manifest geschrieben, das neben Text auch Illustrationen und Bilder enthält. Büro Ludwina

Linda Meixner, Gründerin des Offline-Instituts, startet nach dem erfolgreichen “Offtober” ein Tourismuspilotprojekt – das „Offline-Dorf“ Gargellen.

Gargellen Wie ist es, 66 Tage offline zu sein? Nicht nur kein Facebook, Instagram, WhatsApp, sondern überhaupt kein Smartphone zu haben? Linda Meixner aus Gargellen hat diesen Versuch gewagt – und dabei viel über sich selbst gelernt. Die 33-Jährige hat daraufhin das Offline-Institute gegründet. Nächstes Jahr soll Gargellen für sechs Tage offline gehen – zumindest für die, die dieses Experiment einmal selbst ausprobieren wollen.

Gargellen ist zu jeder Jahreszeit schön, wie Linda Meixner zeigt.
Gargellen ist zu jeder Jahreszeit schön, wie Linda Meixner zeigt.

Linda Meixner lebt vom Online-sein. Sie ist Content-Creatorin für alles, was mit Berge, Bergsport und ihrer Heimat Montafon zu tun hat. Dafür arbeitet sie mit Partnern/Sponsoren zusammen. „Ich habe gemerkt, wie mich das verändert“, erzählt Linda, „wie sich Berufliches und Privates miteinander vermischen“. Ständig wird sie von außen, von Fremden, bewertet. Diese Oberflächlichkeit erzeuge Druck und gehe irgendwann an die Substanz. Dazu komme, dass sie als Content-Creatorin ständig erreichbar und präsent sein muss.

Auf ihr Herz gehört

Linda hat Kommunikationsdesign studiert. Für ihre Bachelorarbeit hat sie ihr eigenes Modelabel MUNTAVU gegründet. „Ich liebe es, meine Ideen zu realisieren“, so die vielbeschäftigte Gargellnerin. Ihre erste Kollektion hieß Arwilda, die sich mit der Flora und Fauna des Montafons beschäftigte. Dann kam ihr Master. Da ihr Online-Account immer mehr Zeit beanspruchte, musste sie sich entscheiden. „Ich höre immer auf mein Herz und Bauch. Daher habe ich mich entschieden, als Content Creatorin meinen Weg zu gehen“ und das Modellabel erst einmal in die Warteschlange zu stellen.

Sechs Tage lang kann man sich in Gargellen im September Auszeit nehmen und das Handy einmal ganz bewusst links liegen lassen.<span class="copyright"> VN/JUN</span>
Sechs Tage lang kann man sich in Gargellen im September Auszeit nehmen und das Handy einmal ganz bewusst links liegen lassen. VN/JUN

66 Tage Selbstversuch

Jedoch sind ihr mit der Zeit einige Dinge bewusst geworden: „Ich will nicht mehr messbar bewertet werden“, sagt Linda, der es mittlerweile egal ist, wie viele Likes sie für ein Bild bekommt. Nach verschiedenen Verletzungen wollte sie wissen, was passiert, wenn sie kein Smartphone mehr nutzt. “Ich möchte die Technik nicht missen, aber wir nutzen die smarten Dinge noch nicht smart. Wir nehmen unser Handy überall mit hin, scrollen ins Unendliche, schlafen damit ein. Wir haben noch keinen gesunden Umgang damit gelernt.“ Sie setzte ihren Beruf aufs Spiel und war nur noch über ein altes Nokia-Handy erreichbar. „Ich verspürte den Wunsch, einfach mal offline zu gehen.“


66 Tage lang, der wissenschaftliche Durchschnitt von Verhaltensänderungen, wollte sie auf ihr Smartphone verzichten. „Während dieser Zeit habe ich für die wissenschaftliche Basis eine systematische Psychotherapie gemacht, um herauszufinden, was das mit mir als Mensch macht, ohne Smartphone zu sein.”

Gargellner trafen sich zu Workshops und arbeiteten am Tourismuspilotprojekt „Offline-Dorf“.<span class="copyright"> Büro Ludwina</span>
Gargellner trafen sich zu Workshops und arbeiteten am Tourismuspilotprojekt „Offline-Dorf“. Büro Ludwina

Achtsamer und produktiver

Erst kam die „radikale Konfrontation“, dann die Erkenntnis und zum Schluss schwamm sie „durch den kalten Fluss des Entzugs. Die Zeit hat mein Leben verändert“, berichtet Linda. „Ich habe viel mehr um mich herum wahrgenommen, hatte viel mehr Tiefschlafphasen. Ich war achtsamer, aufmerksamer und produktiver. Die Sinne wurden intensiver. Das Zeitgefühl hat sich geändert. Du hast auf einmal viel mehr Zeit.“ Sie sagt aber auch: „Du musst hinschauen, wo du nicht hinschauen willst. Unangenehme Dinge aus der Vergangenheit tauchen wieder auf. Man isoliert sich sozial sehr.“ Linda Meixner wurde „unheimlich kreativ“ und hat in dieser Zeit viele Bilder gemalt, Dinge gestaltet und ihr eigenes, ganz persönliches Buch geschrieben – das Offline-Manifest. „Ich habe meine ganzen Erlebnisse und Gedanken niedergeschrieben.“


Aus diesem Selbstexperiment hat Linda das Offline-Institute gegründet. Bereits im Oktober haben rund 150 Personen beim „Offtober“ mitgemacht und den Monat ohne Social Media verbracht. Dabei wurden sie wissenschaftlich begleitet. Herzratenvariabilitätsmessungen wurden an den Teilnehmern durchgeführt und wissenschaftlich ausgewertet. Die Veränderungen im Alltag der Teilnehmer reichen von mehr Konzentration und Kreativität über gesteigerte Interaktion mit ihren Mitmenschen bis hin zu besserem Schlaf, intensiveren Träumen und Halbierung der Bildschirmzeit.

Workshop in Mellau, wo sich die Experten, Wissenschaftler und Tourismusleute zum Austausch trafen und die Details für das Offline-Dorf finalisierten. <span class="copyright">Büro Ludwina</span>
Workshop in Mellau, wo sich die Experten, Wissenschaftler und Tourismusleute zum Austausch trafen und die Details für das Offline-Dorf finalisierten. Büro Ludwina

Nicht ohne die Wissenschaft

Schon im März stellte Linda einen Forschungsantrag bei der FFG, der österreichischen Förderagentur für wirtschaftsnahe Forschung, Entwicklung und Innovation, für das Offline-Dorf Gargellen. Am 15. Juli erhielt sie die Zusage für die Impact Innovation Förderung. Die wissenschaftlichen Experten Philipp Schlemmer und Cornelia Blank, stellvertretende Institutsleiterin des ISAG (Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus) der UMIT TIROL, sowie Gerhard Moser begleiten das Projekt. Mittlerweile ist Linda Meixner selbst Doktorandin am ISAG. Vor Kurzem haben sich Wissenschaftler, Tourismusleute und Experten getroffen, um Details für das Offline-Dorf zu finalisieren. Das Offline-Dorf, welches auf Kenntnissen des „Offtobers“, Lindas Masterarbeit und der Wissenschaft beruht, „ist die weltweit erste Urlaubserfahrung, die wissenschaftlich fundiert einen nachhaltig gesunden Umgang mit deinen Smart Devices fördert – für mehr bewusste Zeit im Hier und Jetzt“, fasst Linda Meixner das Projekt zusammen.

Linda Meixner ist Content-Creatorin und postet viele Skibilder. <span class="copyright">Privat</span>
Linda Meixner ist Content-Creatorin und postet viele Skibilder. Privat


Man kann sich für die ersten 30 Plätze bewerben. Bevor man die Auszeit antritt, gibt es eine zehntätige Vorbetreuung, sodass man „ganz anders anreist“. So mache man den Entzug schon ein stückweit zu Hause. Einerseits in Stille und andererseits im Austausch mit Gleichgesinnten erlebt man von Sonntag bis Freitag, vom 10. bis 15. September, die Tage in Gargellen. „Entspannung, Bewegung, Kulinarik, Handwerk“: Das sind die Eckpfeiler dieses Erlebnisses, die eine nachhaltige Resilienz fördern. Im Anschluss werden die Teilnehmer 30 Tage nachbetreut, um in eine digitale Balance zu finden. VN-JUN

Kamingespräche

Gargellen Zwischen Weihnachten und Anfang Jänner gibt es für alle Interessierten kostenlose Kamingespräche in verschiedenen Hotels in Gargellen. Hier geben Linda Meixner und Gerhard Moser (Experte für Stressmanagement und Resilienz) Einblick in die neueste wissenschaftliche Studie zum „Offtober“, das Überleben im 21. Jahrhundert, was die ständige Erreichbarkeit mit unserem Körper macht und dieses Gefühl, endlich wieder mehr Lebenszeit zu haben. Außerdem verkünden sie Details aus dem Tourismuspilotprojekt „Offline Dorf“.

Hotel Heimspitze: 27. Dezember um 21 Uhr

Hotel Madrisa: 28. Dezember um 21 Uhr

Hotel Mateera: 4. Januar um 16.30 Uhr