Benedikt XVI.: Der konservative Theologe

Für die einen war er ein Reformer der Kirche, für andere ein konservativer Geist mit kritikwürdigen Zügen.
Vatikanstadt Papst Franziskus bezeichnete ihn als Heiligen, für einen seiner engsten Vertrauten, Kardinal Christoph Schönborn, war er ein “Geschenk für die Kirche”: Der emeritierte Papst Benedikt XVI., dessen Gesundheitszustand sich in den letzten Tagen wesentlich verschlechtert hat, wird verehrt und kritisiert.

Seine Wurzeln
Der am 16. April 1927 im oberbayrischen Marktl am Inn nahe der Grenze zu Österreich geborene Joseph Ratzinger war schon immer eine kontroverse Persönlichkeit. Sein Vater war Gendarmeriemeister, seine Mutter Köchin. Kindheit und Jugend verbrachte er hauptsächlich in Traunstein. 1943 wurde Joseph Ratzinger als Luftwaffenhelfer eingezogen, dann zum Reichsarbeitsdienst zur Errichtung des Südostwalls verpflichtet.
Als Seminarist des damals in Traunstein beheimateten diözesanen Knabenseminars machte er 1946 die Matura. Danach absolvierte er das Theologie- und Philosophiestudium in Freising und München. Gemeinsam mit seinem Bruder Georg empfing er am 29. Juni 1951 in Freising die Priesterweihe. 1959 wurde er an die Universität Bonn berufen, 1963 nach Münster. Papst Paul VI. ernannte Ratzinger am 25. März 1977 zum Erzbischof von München und Freising. Drei Monate später erhielt der erst 50-Jährige die Kardinalswürde.
Kardinal und Glaubenshüter
Im November 1981 berief Johannes Paul II. Kardinal Ratzinger zum Präfekten der Glaubenskongregation und damit zum höchsten Glaubenshüter. Dieses Amt übte er bis zu seiner Wahl zum Papst 2005 aus. Er war der erste deutschsprachige Papst seit fast 500 Jahren.
Dikasterium für die Glaubenslehre
Die Glaubenskongregation ist eine Zentralbehörde der römisch-katholischen Kirche. Seine Aufgabe ist es, die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen katholischen Kirche zu fördern und vor Häresien zu schützen. Gegründet wurde sie 1542 als Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis – die römische und allgemeine Inquisition. Sie hatte jedoch im Vergleich zur spanischen Inquisition einen weniger furchterregenden Ruf, konzentrierte sie sich doch mehr auf die Verfolgung und Bannung von Druckwerken (der Index) als von Personen.
Das Glaubenskongregation ist auch als Sanctum Officium bekannt und besteht aus 22 Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen. Ein in Österreich prominentes Mitglied ist Kardinal Christoph Schönborn.
Anders als beim polnischen Vorgänger Johannes Paul II. 1978 und dem argentinischen Nachfolger Franziskus 2013 war der Ausgang des Konklaves von 2005 keine ganz große Überraschung. Kardinal Ratzinger galt als Favorit für das Papstamt. Bereits im vierten Wahlgang wählten die 115 Kardinäle am 19. April 2005 den langjährigen Präfekten der Glaubenskongregation an die Spitze der katholischen Weltkirche.
Erfolge und Rückschläge
Zum theologischen Vermächtnis Benedikts XVI. gehört sein dreibändiges Buch “Jesus von Nazareth”, das er großteils während seiner Zeit als Papst verfasste. Dieses wird als persönliches Glaubensbekenntnis des emeritierten Papstes verstanden und versucht, verschiedene biblische Zugänge zum Wirken und Sein Jesu zu verknüpfen.
Mit vielen Ansprachen, Dokumenten und auch bei Reisen förderte er Ökumene und interreligiösen Dialog, mit Erfolgen wie auch Rückschlägen. Seine “Regensburger Rede” mit einem mohammedkritischen Zitat eines byzantinischen Kaisers löste in der islamischen Welt Aufruhr und Gewalt aus.
Zudem verärgerte er mit seinem gut gemeinten Entgegenkommen für die Lefebvre´sche Piusbruderschaft jüdische Gesprächspartner, weil einer von deren Bischöfen, der später aus der Piusbruderschaft ausgeschlossene Brite Richard Williamson, den Holocaust leugnete. In beiden Konflikten konnte Benedikt XVI. letztlich wieder zur Bereinigung und Beruhigung beitragen.
Licht und Schatten
Zudem leitete er im Vatikan wichtige Reformen ein: Er führte die Vatikanbank IOR aus der Skandalzone und unterwarf seine Wirtschafts- und Finanzbereiche internationalen Kontrollmechanismen. Vor allem aber intensivierte er seinen schon als Kardinal geführten Kampf gegen die Missbrauchsskandale in der Kirche, bemühte sich um Prävention und Hilfe für die Opfer.

Auch die Form der Liturgie, sprich die Gestaltung des Gottesdienstes, beschäftigte Benedikt XVI. Er begrüßte zwar durchaus die Heranrückung des Altars hin zum Kirchenvolk durch das Konzil, vermisste jedoch gewisse Elemente der traditionellen Liturgie und stellte diese daher gleichberechtigt neben die neue, ordentliche Form. Sie hatte in seinen Augen den Vorteil, dass Priester und Glaubensgemeinschaft gemeinsam die Blickrichtung zu Gott in Form des Hochaltars haben, statt einen nach innen gerichteten Kreis zu bilden.

Seine Reformbemühungen belasteten seine Gesundheit. Benedikt XVI. zog daraus bahnbrechende Konsequenzen: Als er sah, dass seine Kräfte nicht mehr reichten, legte er als erster Papst seit 719 Jahren sein Amt nieder. Anders als seine Wahl 15 Jahre zuvor war dieser Schritt vom 1. März 2013 eine Sensation.

Nach der Wahl seines Nachfolgers Franziskus ist es ruhiger geworden um Benedikt, der seitdem im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan lebt. Lediglich in einigen Fällen kam es erneut zu Diskussionen um ihn, wie bei der Veröffentlichung seiner Biografie “Benedikt XVI. – Ein Leben”, in der er sich deutlich von Ehen zwischen Homosexuellen distanzierte.

Er sah außerdem einen Sittenverfall in Folge der 68er-Bewegung in der Gesellschaft und “Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie”, der Teile der Kirche „wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft“ gemacht habe als Mitursache für die Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche.

Wenn es nach dem Vatikan geht, hat sich Benedikt XVI. in der Kirchengeschichte einen Platz als entschiedener Aufklärer des Kindesmissbrauchs gesichert. Dieses Bild wurde durch das im vergangenen Jänner veröffentlichte Münchner Missbrauchsgutachten erschüttert.

Nachdem der emeritierte Papst in einer Stellungnahme zu dem Gutachten falsche Angaben machte, wurde die Kritik umso schärfer. Was für viele wie eine bewusste Falschdarstellung zum Selbstschutz wirkte, erklärten Benedikt und seine Berater zu einem erklärbaren Fehler, um in Person seines Privatsekretärs Georg Gänswein dann nachzulegen, es laufe in Deutschland einmal mehr eine Kampagne gegen Benedikt. Ratzinger verfasste am Ende einen Brief, in dem er die Opfer sexuellen Missbrauchs um Entschuldigung bat. Konkrete Vertuschungsvorwürfe gegen sich wies er aber entschieden zurück. APA