Die Zukunft ist weiblich(er)

VN / 18.12.2022 • 10:00 Uhr
Die Zukunft ist weiblich(er)
Ungleich ist die Wahr­nehmung von Frauen durch die männliche Brille. Einmal sind sie zu instabil, hauen sie auf den Tisch, sind sie zu „bossy“. Shutterstock

Leben wir, um zu arbeiten, oder arbeiten wir, um zu leben? Unter anderem dieser Frage geht Trendforscher Tristan Horx in seinem neuen Buch „Sinnmaximierung. Wie wir in Zukunft arbeiten“ nach. In der aktuellen Ausgabe des Magazins „kontur“ zeigt er, was Female Leadership bedeuten kann.

Bis auf Ausnahmen – man denke an den Mythos der Amazonen – war die Geschichte der Menschheit männlich dominiert – leider. Sosehr auch im Moment über Frauenquoten in Politik und Wirtschaft gesprochen wird, müssen wir uns auch eingestehen, dass das alles wesentlich länger brauchen wird, als wir Zeit haben. Denn die alten Führungsmechanismen greifen im 21. Jahrhundert immer weniger. Das Problem ist dabei nicht unbedingt das Geschlecht, sondern vielmehr die Struktur, die wir Männer geschaffen haben. Seit der Steinzeit war physische Stärke und Überlegenheit ein wichtiges Tool, um Macht zu erlangen und sie zu behaupten. Auch im Industriezeitalter war körperliche Kraft noch relevant, musste in den Fabriken und Minen der Welt doch hart geschuftet werden. Dass Frauen für solche Tätigkeiten weniger geeignet waren, ergibt sich aus der Biologie. Ohne auf Testosteron, Muskelaufbau usw. eingehen zu wollen, ist einfach klar, es gibt biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Das ist wertfrei zu betrachten, im Laufe der Analyse wird allerdings klar, dass die Zukunft genau deswegen weiblich ist.

Weicheier im Büro
Die Schreibmaschinen- und die Bürojobs in der Mitte des 20. Jahrhunderts besetzten vornehmlich Frauen – brauchte man doch mehr Ruhe und weniger Muskeln für diese Tätigkeit. Als zwischen den Weltkriegen langsam junge Männer in „Bürojobs“ wanderten, kam eine Form von Gegentrend. Loyalität, Maskulinität, Krieg – wir wollen doch nicht verweichlichen, ab an die Front hieß es anschließend. Dass Kriege etwas mit gekränkten Männer­egos zu tun haben, zeigt sich auch in der Moderne. Zwischen den Weltkriegen war es eine sehr toxische Mischung aus Wirtschaftskrise und verlorenem Männerstolz. Wie das endete, muss man im deutschsprachigen Raum nicht ausführen. So sieht man in maximaler Tragik, was passiert, wenn angeblich primär männliche Ideale hinterfragt werden. Aber das müssen wir nun, denn draufhauen, bis Probleme weggehen, funktioniert immer weniger, dazu wird die Welt zu digital und werden die Risiken zu groß. Man denke an die Putins, Bolsonaros und Orbans, sie sind ein letztes Aufflammen dieser alten Welt – ganz gewiss. Man verzeihe meinen brutalen Optimismus, aber ich habe vollstes Vertrauen in die Welt und die Frauen, die sie mit neuem Führungsstil leiten werden.

Karriere-Washing
Nur, was bedeutet Female Leadership? Im Moment werden viele erfolgreiche Frauen in klassisch maskuline Führungsstile hineingedrängt. Kon­kur­rent(inn)en ausstechen, hart sein, auf Zahlen und Leistung achten; klassisch emotionslose Führungsqualitäten werden hier gefordert. Kein Wunder, dass in Politik und Wirtschaft Soziopathen in den Führungsebenen überproportional vertreten sind. Das soll nicht heißen, dass alles schlecht war oder ist, sondern dass es Zeit ist für neue Aufstiegswege in hierarchischen Organisationen. Female Leadership ist empathisch. Das mag etwas platt klingen, wird doch dauernd von den sogenannten Soft Skills gesprochen. Aber die klassischen Hierarchien belohnen diese Fähigkeiten nicht mit Aufstieg. Man könnte es als eine Art von Karriere-Washing bezeichnen, also ein So-tun-als-ob. Oft sind an der Spitze eben jene, die wie einzelgängerische Haifische und nicht wie kooperative Erdmännchen agieren. Wer es durch die evolutionäre Brille sieht, weiß, dass es diejenigen Wesen schaffen, die in ihrem Lebensraum am besten angepasst und nicht nur die härtesten Socken sind. Unser Habitat verändert sich zunehmend, und Frauen sind für diese neue Welt besser ausgestattet – vorausgesetzt, wir meinen es ernst mit dem sozioevolutionären Fortschritt hin zu einer glücklicheren, harmonischeren und sinnerfüllteren Welt. Dieser Mythos, dass nur unbarmherzige Wölfe in der Welt bestehen, ist Quatsch. Uns fehlen die Klauen und Zähne – alleine sind wir Beutetiere, keine Jäger.

Die Zukunft ist weiblich(er)
„Da die Welt immer weniger von physischer Macht abhängt, ist Empathie eine Grundvoraussetzung. In einer nach Sinn strebenden Gesellschaft umso mehr“, ist Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx überzeugt. Klaus Vyhnalek

Fest steht, die junge Generation Männer ist verwirrt, und das zu Recht. Auf der einen Seite soll man, klar, erfolgreich sein, im richtigen Moment also „männlich“ (whatever the fuck that means), aber auf gefühlvolle, emotionale und fürsorgliche Weise. In diese Welt der Unsicherheit haben sich nun Karikaturen der alten Männlichkeit hineinquetscht und sorgen für noch mehr Unheil. Aber auch Frauen sind – Überraschung! – verdammt unterschiedlich, sie auf einen Archetypus zu reduzieren ist Quatsch. Aber sie sind die sozialeren, empathischeren Wesen. Die Krisen unserer Moderne haben gezeigt, dass emotionale Besonnenheit und Einfühlungsvermögen nun wichtiger werden.

Ein wunderbares Beispiel ist Neuseeland, dessen Premierministerin Jacinda Ardern die Corona-Pandemie mit einer gesunden Mischung aus Härte und Empathie bewältigt hat. Die Unterstellung einer „Verweichlichung“ von Führung durch zunehmende „Verweiblichung“ ist ein chauvinistisches Argument, das kein Fundament in der Realität hat. Female Leadership bedeutet nicht nur mehr Frauen in Führungsebenen, sondern ein fundamentales Umdenken, was es bedeutet, gut zu führen. Die Maximierung von Glück und Sinn statt Status und Ego – für alle Involvierten.

Tristan Horx

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Das aktuelle „kontur“-Magazin ist am Kiosk sowie im gut sortierten Fachhandel erhältlich. Erfahren Sie darin u. a. mehr über Hirschmann Automotive und Doktor Beton Wolfgang Schwarz. Ein Besuch wird Architekt und „Sozialromantiker“ Dietmar Eberle abgestattet, bevor es auf einen Ausstellungsrundgang durch die großen Museen und Kunsthallen von Wien bis Basel geht. Durch Katakomben, Knochen und Konditorei führt eine bittersüße Erkundungstour durch ein melancholisch gestimmtes Wien.

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