Warum Kranksein bei Ärzten nicht drin ist

VN / 18.03.2022 • 04:30 Uhr
Warum Kranksein bei Ärzten nicht drin ist
Alexandra Rümmele-Waibel ist niedergelassene Kinderärztin. Sie wünscht sich eine bessere Karenzregelung für Ärztinnen. VN/Steurer

Vertretungen für einen Ordinationsbetrieb sind schwer zu organisieren.

Dornbirn Sie funktioniert sehr wohl, die Zusammenarbeit zwischen Spitals- und niedergelassenen Ärzten. Das haben die gemeinsamen Impfeinsätze im Rahmen der Pandemie gezeigt. „Obwohl oft die ganze Woche durchgearbeitet wurde, gab es ein Miteinander und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen“, berichtet Burkhard Walla. Diesen Schwung möchte der Ärztekammer-Vizepräsident nützen, um ein Vertretungsmodell zu etablieren, das die Versorgungssicherheit im niedergelassenen Bereich auch dann gewährleistet, wenn Ärzte aus Krankheits- oder anderen Gründen nicht ordinieren können. „Derzeit ist es äußerst mühsam eine Vertretung zu organisieren“, weiß Walla. Ein Ärztepool, in den sich auch Spitalsmediziner einbringen können, soll das ändern. Die Ärztekammer schlägt vor, gemeinsam mit der ÖGK und dem Land ein neues Modell auszuarbeiten. Organisiert würde der Ärztepool durch die Ärztekammer, die Honorierung nach einem fixen Schema erfolgen.

Unter Druck

Seit zwei Jahren stehen auch die Mediziner im niedergelassenen Bereich enorm unter Druck. Kranksein ist da nicht drin, die Patienten wollen trotzdem versorgt werden. „Als Einzelkämpfer ist man extrem gefordert, etwa im Krankheitsfall. Ich habe erlebt, was es bedeutet, von heute auf morgen so zu erkranken, dass man nicht mehr arbeiten kann“, weiß die Ludescher Gemeindeärztin Barbara Schmidbauer von eigenen leidvollen Erfahrungen zu berichten. „Man kämpft selbst mit gesundheitlichen Problemen und muss noch eine Vertretung suchen, damit es weitergeht“, fühlte sie sich dabei völlig alleingelassen.

Verlängerter Mutterschutz

Auszeiten, Krankenstände oder Sabbaticals, wie sie für Spitalsärzte möglich sind, gibt es im niedergelassenen Bereich nicht. „Als Ärztin mit Kindern in der eigenen Praxis zu arbeiten, geht nur mit einer guten Struktur im Hintergrund. Familie und Freunde müssen mithelfen, und es braucht entsprechende Kinderbetreuungseinrichtungen“, listet Alexandra Rümmele-Waibel, Kinderärztin in Hohenems, die Notwendigkeiten auf. Erleichterungen würde ihrer Meinung nach ein verlängerter bezahlter Mutterschutz bringen. „Frauen könnten auch abgesichert in Karenz gehen, wenn der Ordinationsbetrieb weiterlaufen kann, indem für eine Vertretung zumindest die Grundkosten von der Kasse übernommen werden.“

Unbürokratische Lösungen

Burkhard Walla ergänzt: „Um künftig Kassenstellen überhaupt besetzen zu können, sind unbürokratische Lösungen gefragt, vor allem bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Mit einem intelligenten Vertretungsmodell könnten Kassenpraxen zudem für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiver gemacht werden. Gabriele Gort, Allgemeinmedizinerin in Wolfurt, argumentiert: „Bieten wir nicht rasch zeitgemäße und kreative Möglichkeiten an, werden wir die freiwerdenden Kassenstellen nicht besetzen können.” Sie verweist darauf, dass allein im Raum Wolfurt und Dornbirn in nächster Zeit einige große Arztpraxen von Pensionierungen betroffen sind. Gort ist weiters überzeugt, dass die Gewissheit, etwa im Falle einer Karenz eine gute Vertretung zu haben, bei jungen Ärztinnen die Bereitschaft erhöht, eine Kassenstelle zu übernehmen.