Wie ein Hohenemser erster jüdischer Bürger St. Gallens wurde

VN / 04.12.2021 • 08:01 Uhr
Wie ein Hohenemser erster jüdischer Bürger St. Gallens wurde
Adolf Burgauer auf einem undatierten Gemälde. JMH

Die Geschichte des Hohenemsers Adolf Burgauer.

Hohenems Im Fokus der Biografienreihe “Jüdische Lebensgeschichten aus Hohenems” der VN-Heimat und des Jüdischen Museums Hohenems steht in dieser Ausgabe das Leben und Wirken von Adolf Burgauer. Der gebürtige Hohenemser versuchte bereits in jungen Jahren in der benachbarten Schweiz Fuß zu fassen. Dies gelang ihm bald in St. Gallen, wo er nicht nur eine große Familie gründete, sondern auch den Aufbau eines erfolgreichen Textilunternehmens organisierte.

Adolf Burgauer kam am 16. April 1837 als jüngster Sohn von Maier Burgauer und dessen zweiter Gattin Henriette Frei in Hohenems zur Welt. Sein Vater, der als Hausierer und Handelsmann tätig war, entstammte mütterlicherseits einer Familie, die bis in die früheste Zeit der israelitischen Kultusgemeinde in Hohenems zurückreicht. Beruflich trat Adolf, gemeinsam mit seinem Bruder Berthold, schon in den 1850er-Jahren in die väterlichen Fußstapfen. Er beschäftigte sich als Handelsreisender zunächst mit dem Vertrieb von Schweizerware, worunter der Handel mit Baumwollprodukten verstanden wurde. 1860 eröffneten die Gebrüder Burgauer in St. Gallen eine Firma, die schon bald unter dem Namen „Burgauer & Co.“ sowohl Stickereien als auch Weißwaren und Gardinen produzierte. Dies geschah zu einer Zeit, als die Stadt St. Gallen jüdischen Personen erstmals die Ansiedelung erlaubte. 1863 wurde diese auch Adolf Burgauer bewilligt, der dort noch im selben Jahres mit 21 weiteren Glaubensgenossen die israelitische Kultusgemeinde ins Leben rief.

Ausschnitt aus dem Bürgerrechtsbrief für Adolf Burgauer, 19. 11. 1876.
Ausschnitt aus dem Bürgerrechtsbrief für Adolf Burgauer, 19. 11. 1876.

1865 heiratete Adolf Burgauer Rosalie David aus Speyer. Insgesamt zwölf ihrer zwischen 1866 und 1886 geborenen Kinder erreichten das Erwachsenenalter. Die Burgauers, die sich beruflich und sozial längst als St. Galler sahen, blieben jedoch juristisch noch einige Zeit nach Hohenems heimatzuständig. Dort nahm damals die Anzahl der jüdischen Gemeindemitglieder zusehends ab, wie Stefan Weis 2013 in seiner Diplomarbeit „Seiner Heimat gänzlich unbekannt …“ feststellte. Das Zitat, das Weis für den Titel seiner Abhandlung wählte, stammt aus dem Protokoll jener Versammlung, die sich am 19. November 1876 für die Aufnahme Adolf Burgauers und seiner Familie in die St. Galler Bürgerschaft aussprach. Aus seiner Heimatgemeinde, wo Burgauer wohl tatsächlich vielen nicht mehr bekannt war, wurde er wenige Tage später entlassen. Mit der erstmaligen Bürgerrechtsverleihung sei die jüdische Emanzipation in St. Gallen endgültig gelungen, wie Stefan Weis dazu abschließend ausführte.

Foto von Adolf Burgauer, vor 1900.
Foto von Adolf Burgauer, vor 1900.

Dem Militärdienst, den der 40-jährige Adolf Burgauer nun als Neo-Schweizer übrigens abzuleisten gehabt hätte, konnte er durch die alternativ möglichen Ersatzzahlungen entgehen. Auch beruflich lief es für Burgauer und seine Firma, die inzwischen in der zentral gelegenen St. Leonhardstraße angesiedelt war, gut. Burgauer engagierte sich aber auch für die noch junge Kultusgemeinde und fungierte ab 1874 fünf Jahre lang als Vizepräsident. In derselben Zeitspanne übernahm er außerdem das Präsidentenamt der als Wohltätigkeitsverein bezeichneten Beerdigungsbruderschaft.

Die Firma Burgauer & Co. leitete er bald allein und führte sie in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts mit beträchtlichem Erfolg. 1901 gab er schließlich die Leitung ab. Fortan kümmerten sich sein Sohn Willi und sein 1860 in Hohenems geborener Neffe und Schwiegersohn Josef Porges um die wirtschaftlichen Geschicke des Betriebs. Adolf Burgauer verstarb bereits im Alter von 67 Jahren am 22. April 1904 und fand auf dem älteren der beiden jüdischen Friedhöfe St. Gallens seine letzte Ruhestätte. RAE