Wenn der Heilige Berg ruft

Willi Schmutzhard pilgert seit 30 Jahren jedes Jahr zum Berg Athos in Griechenland.
Bludenz Als Jugendlicher wollte Willi Schmutzhard (73) Priester werden. Deshalb besuchte der Oberösterreicher, der sehr religiös erzogen wurde, das Priesterseminar in Linz. Anschließend begann er Theologie zu studieren. „Aber dann merkte ich, dass ich doch lieber einen Beruf ausüben möchte, in dem ich mit Kindern zu tun habe.“ Daraufhin studierte Schmutzhard Psychologie in Innsbruck. Parallel dazu absolvierte er das Theologiestudium.
Seine erste Arbeitsstelle trat der frischgebackene Doktor im Kinderdorf Au-Rehmen im Bregenzerwald an. „Dort war ich ganz bei den Menschen.“ Schmutzhard wurde für die Kinder zur Vertrauensperson. „Ich konnte sie ein bisschen auffangen.“ Nach drei Jahren wechselte er zum IfS. In Bludenz baute der klinische Psychologe und Psychotherapeut die IfS-Beratungsstelle auf. „Mein Schwerpunkt waren Familien und Kinder. Nach einem halben Jahr war ich übervoll mit Klienten.“
Berg Athos: eine ganz wichtige Tankstelle
Ein Gespräch mit dem Bludenzer Pfarrer Peter Haas brachte dem studierten Theologen einen Zweitberuf ein. Der Geistliche bat ihn, in der Gastgewerbeschule in Bludenz Religion zu unterrichten. Was als Aushilfe gedacht war, wurde zur vollen Lehrverpflichtung. „Die Arbeit mit den jungen Menschen gefiel mir.“ Schmutzhard wurde schnell zu einer wichtigen Vertrauensperson für Schüler und Lehrer. „Ich profitierte in der Schule davon, dass ich Psychologe war.“ Neben der Arbeit als Religionslehrer unterhielt der Psychotherapeut eine eigene Praxis. „Unter anderem habe ich viele Eltern beraten.“ Rückblickend ist der 73-jährige Pensionist froh, „dass ich zwei Berufe ausüben und vielen Menschen eine Hilfe sein durfte“.

Trotz der Doppelbelastung und der berufsbedingten Auseinandersetzung mit „schweren“ Themen, schlitterte der zweifache Vater über all die Jahre hinweg nie in ein Burn-out. Seine jährlichen Reisen auf den Heiligen Berg Athos, jener mystischen Stätte der orthodoxen Kirche auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidike, die seit 1000 Jahren nur von Männern besucht werden darf, halfen ihm, „runterzukommen“ und die belastenden Geschichten seiner Klienten zu verarbeiten. In der orthodoxen Mönchsrepublik – derzeit sind dort mehr als 3000 Mönche beheimatet – konnte er beim Wandern und beim Gebet zur Ruhe kommen und neue Kraft für den Alltag tanken. „Der Berg Athos wurde zu einer ganz wichtigen Tankstelle für mich.“
In 30 Jahren hat sich der gläubige Christ 35 Mal den Athos „ergangen“. Jedes Jahr taucht(e) er mit Begeisterung in die schöne Natur zwischen Gebirge und Meer ein, in die mystische Stimmung der nächtlichen Gebete und erhebenden Gesänge der Mönche und in die Welt der Ikonenmaler, Silberschmiede und Weihraucherzeuger. „Inzwischen fühle ich mich dort wie daheim. Ich lebe das Leben der Mönche mit. Deren Alltag bestimmt das Gebet und die Arbeit.“

Einige Mönche wurden zu seinen Freunden, wie etwa Grigorios, ein begnadeter Ikonenmaler und ein „wunderbarer Mensch“. Wie die meisten Mönche sprach auch Grigorios nicht viel über sich. Nur so viel weiß Schmutzhard über ihn: „Grigorios war Grieche und gelernter Elektriker. Als junger Mann lebte er einige Jahre in Australien. Sein Schwager, für den er väterliche Gefühle hegte, ging nach Athos, seine Schwester in ein Kloster in Athen.“ Grigorios starb im Vorjahr an den Folgen eines Sturzes. „Als ich von seinem Tod hörte, war ich geschockt und dachte im ersten Moment: ,Jetzt ist Athos Geschichte.“ Mit Eusebios verlor der Wahlbludenzer im vergangenen Jahr noch einen weiteren Freund. „Eusebios war gebürtiger Grieche, wuchs aber in England auf. Er war dort Profifußballer. Als Eusebios einmal mit Verletzungen im Spital lag, dachte er sich: „Kann das Fußballspielen alles sein? Ist das mein Leben?“ Er verneinte dies und ging auf den Berg Athos“, erzählt Schmutzhard, wie aus Eusebios ein Mönch wurde. Heuer besuchte der Athos-Pilger die letzte Ruhestätte seiner beiden Freunde und legte Blumen auf ihre Gräber.
Der pensionierte Lehrer verdankt dem Heiligen Berg Athos viel. Beim gemeinsamen Gebet und bei den Messen erlebte er tiefreligiöse Momente. Dadurch wurde sein Glaube tiefer. Dieser ist ihm immer ein Halt im Leben gewesen. „Ohne Glauben hätte ich meine beruflichen Aufgaben nicht bewältigen können. Denn wenn man nicht selbst einen Halt hat, dann kann man anderen Menschen keine Hoffnung vermitteln.“
Buchtipp:
„Berg Athos“, ein Bildband von Willi Schmutzhard und Andreas Waha, 206 Seiten, Rhätikon Verlag, 28,70 Euro.