Neue Hüttenpächter: Julika Rieger und Patrick Kohlbacher leiten die Tübinger Hütte

Ein großer Traum der beiden wird Wirklichkeit: Leben und arbeiten in einer Alpenvereinshütte auf über 2000 Metern.
Gaschurn Auf 2193 Metern ist sie gelegen, inmitten der Silvretta-Gruppe – die Tübinger Hütte. Abseits vom Massentourismus steht die 1908 erbaute Alpenvereinshütte am Fuße der Kessispitze und Plattenspitze zwischen Silvretta und Rätikon. Nur über einen vierstündigen Fußmarsch erreicht man die Hütte, eine Seilbahn (außer eine Materialseilbahn) gibt es nicht. Gerade diese Abgeschiedenheit war ein Grund, warum sich ein Kärntner Paar dazu entschloss, die Hütte zu pachten.
Schnee verzögert Öffnung
Quasi ans andere Ende Österreichs wollten unbedingt zwei Kärntner, um sich auf 2193 Metern ihren Traum von einer Alpenvereinshütte in den Bergen zu erfüllen. „Sie passt einfach am besten zu uns“, sagt Julika Rieger, auch, weil sie selbst aus der Nähe von Tübingen stammt und somit einen heimischen Bezug zum Tübinger Alpenverein hat. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Patrick Kohlbacher übernimmt sie ab diesem Sommer die Tübinger Hütte. Beide hoffen auf einen Saisonstart am 1. Juli, denn momentan liege noch viel Schnee oben im Garneratal. Bis zur Garneraalpe wäre geräumt, aber der Weg zur Materialseilbahn sei noch unzugänglich, genauso wie der Wanderweg hinauf zur Hütte. Auch die Übergänge zu den anderen Alpen seien teils noch nicht begehbar. „Wir mussten die Öffnung bereits eine Woche n verschieben“, sagt Julika. Andere Hütten, wie die Lindauer hätten bereits offen, jedoch liegen diese auch niedriger.
Als Vorbereitung auf das, was sie als neue Hüttenpächter erwartet, hat das Paar Kontakt mit Petra Erhart-Ruffer aufgenommen. Sie war selbst 30 Jahre lang Hüttenwirtin auf verschiedenen Hütten, wie der Heinrich-Hüter-Hütte am Fuße der Zimba oder der Freiburger Hütte am Formarinsee. Ihren elterlichen Betrieb in Baad im Kleinwalsertal hat sie ebenfalls eine Zeit lang geführt. Auch auf der Tiroler Lamsenjochhütte hat sie schon mal die Geschicke geleitet. Nun gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an junge Hüttenwirte weiter, wie eben an Julika und Patrick, für die das Hüttenleben Neuland ist.
Die Speisekarte, auf der traditionelle Speisen wie Kaspressknödel, Käsespätzle und Kaiserschmarren stehen, sei schon fertig. Wein gibt es zum Beispiel hauptsächlich aus der Südsteiermark. Auch hier spielen die heimischen Wurzeln eine Rolle, denn Patrick kommt wie Julika nicht ursprünglich aus Kärnten, sondern aus der Weststeiermark. Auch das Personal ist schon fix eingestellt – drei Servicekräfte sowie ein Koch. Patrick wird ebenfalls in der Küche werken, Julika wird überall mithelfen.
Yoga und Wandern verbinden
Kennengelernt haben sich die beiden beim Yoga. Julika ist nämlich gelernte Yogalehrerin, während Patrick aus einer Gastro-Familie – sein Vater betreibt seit 25 Jahren ein Gasthaus – kommt und jetzt in einem Hotel arbeitet. Trotz der Arbeit auf der Hütte soll das Yoga über die Sommermonate hinweg nicht ganz verschwinden: „Wir bieten sechs Yoga-Wander-Retreats auf der Tübinger Hütte an. Sie dauern immer von Donnerstag bis Sonntag“, erzählt Julika. Buchen kann man die Veranstaltungen online über den Alpenverein Edelweiß.
„Flexibilität ist das Nonplusultra, denn auf einer Hütte läuft nichts nach Norm.“
Petra Erhart-Ruffer, Hüttenexpertin
Auf der Hütte gleicht kein Jahr dem vergangenen. „Es ist jedes Mal anders auf der Hütte“, weiß Petra aus Erfahrung. Als Hüttenwirtin müsse man auf alles eingestellt sein. „Wenn der Strom ausfällt, das Wasserkraftwerk streikt oder die Seilbahn nicht funktioniert, dann muss rasch reagiert werden.“ Mit solchen Problemen komme man aber als Hüttenwirt mit der Zeit zurecht. Denn eines musst du als Hüttenwirt definitiv sein: flexibel. „Das ist das Nonplusultra, denn auf der Hütte läuft nichts nach Norm“, sagt Petra. „Du musst als Hüttenwirt alles können, vom Kochen über den Service bis hin zum Putzen. Du musst für verletzte oder vermisste Bergsteiger die Rettungskette aktivieren können und auch mal Psychologe sein.“

Die Wochenenden auf der Tübinger Hütte, die über Mehrbettzimmer sowie Bettenlager mit insgesamt 91 Schlafplätzen verfügt, sind bereits ausgebucht. Ein normaler Tag eines Hüttenwirts beginnt in der Regel um 5.30 Uhr in der Früh und endet oftmals erst spät am Abend, manchmal sogar erst um Mitternacht. Viel Schlaf werden Julika und Patrick also in den Sommermonaten nicht bekommen, aber trotzdem freuen sie sich darauf, endlich loslegen zu können. „Wir haben ganz viel Vorfreude, aber auch genauso viel Respekt davor“, sagt Julika. Auch Patrick fiebert der bevorstehenden Sommersaison entgegen: „Ich freue mich, endlich vor der Hütte stehen zu können.“ Aber er ist auch gespannt, wie er reagiert, wenn viel zu tun ist. „Das wird schon eine Herausforderung werden.“ Drei Monate werden sie dort verbringen, bevor es wieder zurück nach Kärnten geht. VN-JUN