Zu wenig Augenmerk auf das Drogenproblem

VN / 26.06.2021 • 05:50 Uhr
Zu wenig Augenmerk auf das Drogenproblem
Reinhard Haller spricht zum Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch Klartext. VN/PAULITSCH

Suchtexperte Reinhard Haller kritisiert: Thema war schon relevanter.

Feldkirch Er kennt die Drogenszene wie kaum ein anderer im Land. Fast 20 Jahre war Prof. Reinhard Haller als Drogenbeauftragter des Landes tätig, entwickelte mehrere Drogenkonzepte und gründete mit der SUPRO die erste Suchtpräventionsstelle Österreichs. Kampagnen wie „Kinder stark machen“ gehen auf Reinhard Haller zurück. Trotz aller Bemühungen weiß er aber: „Das Drogenproblem lässt sich nur individuell lösen.“ Als wichtigste Präventionsmaßnahme nennt er die „3 Z“, also Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit.

In Vorarlberg ist die Zahl der Drogentoten in jüngster Zeit massiv gestiegen. Muss die aktuelle Entwicklung Anlass zur Sorge geben?

Haller Das Drogenproblem muss immer Anlass zur Sorge geben. Im Prinzip unterscheiden sich die jetzigen Meldungen nicht von jenen, die wir in den 1990er-Jahren hatten. Da gab es auch Wochenenden mit bis zu vier Toten. Es war allerdings schon ein viel relevanteres Thema, und das ist auch etwas, das mich besorgt macht. Es ist zu einem von vielen Themen geworden, die man nicht mehr sonderlich ernst nimmt.

Was hat sich verändert?

Haller Geändert hat sich in erster Linie die Angebotsseite. Drogen sind universell und ein riesiges Geschäftsfeld, wahrscheinlich das größte der Welt überhaupt. Dazu kommt, dass Menschen auch auf Dinge süchtig werden können, die nichts mit Drogen zu tun haben. Denken wir nur an die Internetsucht, die Handy- und Spielsucht. Die Angebotsseite lässt sich ein bisschen regulieren, aber nicht wirklich ausmerzen.

Wie sieht es auf Seiten der Konsumenten aus?

Haller Da gibt es ebenfalls gewisse Veränderungen. Ich glaube, dass Drogen vermehrt auch zur Behandlung von psychischen Problemen, wie Depressivität und Orientierungslosigkeit eingesetzt werden und verstärkt auch als Vergnügungssubstanz. Man nimmt Drogen nicht mehr aus einem sozialen Elend heraus, wie das vor 20, 30 Jahren der Fall war, sondern, weil die Party dann eben noch mehr Spaß macht.

Die Politik spricht von Safer Use-Bemühungen, um das Problem in den Griff zu bekommen oder braucht es eine andere Drogenpolitik?

Haller Der Ansatz einer anderen Drogenpolitik, wie er immer wieder gebracht wird, ist in hohem Maße einfältig. Ich kann es leider nicht anders sagen. Ein so komplexes Phänomen, wie es Drogen sind, lässt sich nicht durch Gesetze regeln. Dort, wo man Drogen verbietet, gibt es genauso viele Abhängige und Tote. Lösungen können immer nur individuell sein. Ein weiterer entscheidender Punkt aus meiner Sicht: Man sollte Drogenkonsumenten nicht immer nur als die armen Opfer darstellen, man muss in erster Linie an ihre gesunden Kräfte appellieren, fordern, dass sie selbst auch versuchen, mit dem Problem fertigzuwerden. Ich habe vor Drogensüchtigen immer so viel Respekt gehabt, dass ich ihnen das zugetraut habe. Safer Use-Bemühungen sind nur kleine Pflaster auf eine große Wunde, aber nicht wirklich Lösungen.

Ist die Einstiegsdroge Neugier?

Haller Der Einstieg, der meist um das 13. und 14. Lebensjahr erfolgt, hat tatsächlich oft mit Neugier zu tun. Man will probieren, Grenzen ausloten. In vielen Fällen kommt noch der Gruppendruck hinzu und hintergründig spielen auch psychische Probleme eine Rolle, die man in solchen Umbruchphasen hat. Jugendliche in dem Alter sind Wanderer zwischen zwei Welten, keine Kinder mehr, aber auch noch kein Erwachsenen. Das sind anfällige Phasen.

Wo müsste bei der Prävention angesetzt werden?

Haller Es geht immer darum, dass die jungen Menschen möglichst viel Selbstvertrauen bekommen und sie sich getrauen, sich gegen den Mainstream durchzusetzen. Es geht um das Gefühl von Nähe und Geborgenheit. Das suchen Süchtige sehr oft. Es geht um die emotionale Ausgestaltung des Alltags, die heute vielfach zu kurz kommt. Wir leben in einer Welt der Coolness. Stress spielt ebenfalls eine gewisse Rolle. Mir sagen viele Cannabiskonsumenten, es würde dann einfach die Zeit stillstehen. Es gilt, den Kindern beizustehen, um sie möglichst schadlos über die Risikophase zu bringen. Da sind für mich die „3 Z“ wichtig: Möglichst viel Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit schenken. Das Fehlen dieser Komponenten beklagen fast alle Süchtigen.