Der lange Weg zum Impfstoff

VN / 08.05.2020 • 06:00 Uhr
Der lange Weg zum Impfstoff
Weltweit wird fieberhaft nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus gesucht. APA

Grund sind unter anderem hohe Vorgaben an die Sicherheit.

Dornbirn Das Wettrennen um den ersten Coronaimpfstoff, auf den hart gewartet wird, ist voll im Gange. Prof. Heinz Drexel, Leiter des Vivit-Instituts, relativiert allerdings die hohen Erwartungen, die in eine Impfung gesetzt werden. „Eine Impfung allein löst das Coronaproblem nicht, weil noch viele Fragen offen sind, wie Wirksamkeit und Dauer des Impfschutzes, Nebenwirkungen und Akzeptanz“, erklärt Drexel. Obwohl Impfungen in der modernen Medizin einen hohen Stellenwert haben, seien sie differenziert zu betrachten. Als Musterbeispiel für den Erfolg einer Impfung bezeichnet Drexel die Pockenimpfung, welche die Erkrankung fast zur Ausrottung brachte.

Der lange Weg zum Impfstoff

Krankheit eliminiert

Gleiches gilt für die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung. „Sie hat eine furchtbare Erkrankung in unseren Breitengraden eliminiert“, sagt Heinz Drexel. Ähnliche Erfolge erbrachte die Masernimpfung, die trotzdem aus für ihn unerklärlichen Gründen zuletzt wieder umstritten war. Nach Ansicht von Drexel tragen die Impfkritiker ein Gutteil der Schuld an dieser Entwicklung. Für die FSME-Impfung, also jene gegen Zecken, ist der Nutzen ebenfalls erbracht, aber viele würden die Notwendigkeit bezweifeln. „Die mangelnde Akzeptanz der Grippeimpfung ist auch so ein Beispiel, wie Theorie und Praxis auseinanderklaffen können“, führt Drexel ein weiteres Beispiel an.

Hoher Kostenaufwand

Warum der Weg zu einem Impfstoff oft lange dauert, liegt an den Anforderungen, die an die klinische Prüfung, insbesondere aber an die Sicherheit, gestellt werden. „Die sind in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen, und damit nahm auch die Entwicklungsdauer zu“, begründet der im Vivit-Institut tätige Privatdozent Andreas Leiherer. Impfstoffe sind hochkomplexe Arzneimittel, die von lebenden Organismen abstammen oder sogar lebende Organismen enthalten. Für die Entwicklung eines neuartigen Impfstoffes gilt daher eine Zeit von 15 bis 20 Jahren und ein Kostenaufwand von bis zu einer Milliarde Euro als realistisch. Im Falle von SARS-CoV-2 bestehen jedoch auf Grund der Erfahrungen mit SARS-CoV (2003) in China und MERS-CoV (2012) im arabischen Raum bereits Vorarbeiten, die den Zeitrahmen verkürzen.

Beispiel HIV-1: Dass auch bei einer exzellenten Wissenslage ein Impfstoff nicht immer einfach zu entwickeln ist, zeigt das Beispiel HIV-1. Nach mehr als drei Jahrzehnten Forschungsarbeit seit Entdeckung des Virus gibt es zwar Medikamente, aber immer noch keinen wirksamen Impfstoff. Grund dafür ist die komplexe Biologie des Virus.

Beispiel Influenza: Es gibt zahlreiche Konzepte zur Entwicklung von Impfstoffen, die theoretisch zum Erfolg führen können. So existiert für Influenza sowohl ein Lebend- als auch ein Totimpfstoff.

Gegen SARS-CoV-2 laufen über 100 Impfstoffprojekte. Darunter sind Strategien mit lebenden, abgeschwächten Viren und Konzepte, bei denen nur noch Teile der Erbinformation des Virus appliziert werden. Die meisten konzentrieren sich darauf, dem Körper bestimmte Teile des Virus zu präsentieren, die vom Immunsystem besonders gut erkannt werden und deren Attacke durch das Immunsystem dem Virus am meisten „schaden“. Produziert das Immunsystem etwa Antikörper, die solche Schwachstellen bzw. empfindliche Regionen des Virus binden und es dadurch neutralisieren, spricht man von neutralisierenden Antikörpern.

Nicht jeder vom Immunsystem gebildete Antikörper ist gleich effektiv und nur die allerwenigsten sind neutralisierend. Einige Antikörper können durch die Bindung an das Virus dessen Infektiosität nicht verringern. Einige Antikörper steigern die Infektiosität des Virus sogar. Ebenso fatal wäre, wenn durch einen Impfstoff das Immunsystem angeregt würde, gegen körpereigene Strukturen vorzugehen.

Keine Abkürzung möglich

Diese Gefahren und Schwierigkeiten müssen bei der Entwicklung von Impfstoffen berücksichtigt werden und können gerade im Hinblick auf eine Impfung für die gesamte Bevölkerung nicht abgekürzt werden. „Dennoch lässt sich sagen, dass es wohl kein Produkt gibt, dass annähernd so genau untersucht, getestet und dessen Einsatz, auch nach Markteinführung von unabhängigen Stellen, ständig überwacht wird, wie ein moderner Impfstoff“, stellt Andreas Leiherer abschließend fest.