So gefährlich ist der Bodensee

Unfälle / 30.06.2023 • 09:53 Uhr
<p class="caption">Wasserpolizei-Kommandant Bernhard Aigner (l.) und sein Kollege Bernhard Martin auf dem Deck des Einsatzbootes "V 20". <span class="copyright">Stiplovsek</span></p>

Wasserpolizei-Kommandant Bernhard Aigner (l.) und sein Kollege Bernhard Martin auf dem Deck des Einsatzbootes "V 20". Stiplovsek

Bernhard Aigner, Kommandant der Wasserpolizei Hard, über die Tücken des drittgrößten Binnensees Mitteleuropas.

Hard Der Bodensee, ein Traum in Türkis, kann bisweilen auch zum Albtraum werden. Noch heute in bitterer Erinnerung: Jenes tragische Schicksal eines 14-jährigen Schweizers, der am 11. Juni dieses Jahres vom Bord eines Segelbootes vor Altenrhein ins Wasser sprang und seither als vermisst gilt.

Glücklicher verlief ein Fall von Seenot, in den ein 52-jähriger Bootsführer am Sonntag, 18. Juni, nahe der Rheinmündung geraten war. Sein Boot kenterte, er selbst klammerte sich an den herausragenden Schiffsrumpf. Ein Fischer entdeckte den 52-Jährigen in seiner Not, barg den Verletzten und brachte ihn sicher an Land.

Am 19. Juni kenterte auf dem Bodensee ein Boot, der Schiffsführer wurde von einem Fischer gerettet.<span class="copyright"> Wasserpolizei</span>
Am 19. Juni kenterte auf dem Bodensee ein Boot, der Schiffsführer wurde von einem Fischer gerettet. Wasserpolizei

Von trügerischer Natur

In beiden Fällen war auch die Besatzung der Wasserpolizei Hard mit ihrem Boot „V 20“ im Einsatz. Deren Kommandant Bernhard Aigner kennt den Bodensee, den er zwar nicht als ein prinzipiell gefährliches Gewässer einstuft. Doch er kennt auch seine ganz spezielle trügerische Natur: „Das große Thema beim Bodensee hat einen Namen: Sturmgefahr. Das Gewässer kann in diesem Augenblick noch ruhig sein und schon im nächsten Moment durch ein heftiges Gewitter hohe Wellen schlagen.“

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Keine Garantie

Die Sturmwarnleuchten an den Ufern rund um das internationale „schwäbische Meer“ seien lediglich eine Art Serviceleistung, aber keine Garantie für eine rechtzeitige Vorwarnung. Wenn das Wetter plötzlich umschlägt, würden die Bedingungen auf dem See unberechenbar. Schlag auf Schlag.

Der Bodensee kann innerhalb weniger Minuten außerordentlich stürmisch werden. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Der Bodensee kann innerhalb weniger Minuten außerordentlich stürmisch werden. Stiplovsek

Immer wieder werden auch angeblich gefährliche Strömungen im Bodensee ins Spiel gebracht. Hier aber möchte Aigner relativieren: „Im Gegensatz zur Sturmgefahr sind Strömungen hier nicht relevant.“

Steile Gefälle

Dann sind da noch die steilen Gefälle am Ufer, die schnurstracks in die Tiefe führen und mit freiem Auge weder erkennbar noch einschätzbar sind. Ein Beispiel dafür ist das Molo mit dem Leuchtturm am Bregenzer Hafen. Wer würde ahnen, dass es sich hier um eine steile Klippe mit tiefem Abgrund handelt? Das Projekt „Tiefenschärfe“ des Instituts für Seenforschung in Baden-Württemberg vermittelt ein detailliertes Geländemodell des Bodensees unter Wasser. Und zeigt dabei, wie steil und tief es gerade in der Bregenzer Bucht hinab geht bis zum Grund des Sees.

Das Projekt "Tiefenschärfe" liefert ein detailliertes Geländemodell des Bodensees. <span class="copyright">VN/Paulitsch, steurer, sams, grundlage: IGKB-Projekt</span>
Das Projekt "Tiefenschärfe" liefert ein detailliertes Geländemodell des Bodensees. VN/Paulitsch, steurer, sams, grundlage: IGKB-Projekt

Zurück zum Sturm. Starke Winde und hohe Wellen durch Wetterkapriolen sind ein großes Risiko für die laut Aigner oft unerfahrenen Fans neuer Trendsportarten. Etwa für Nutzer des „Stand Up Paddles“ (SUP), die immer wieder für Einsätze der Wasserpolizei und -rettung sorgen. „Wenn man sich damit zu weit auf den See hinauswagt, kann es schon passieren, dass man abgetrieben wird. Wenn keine Hilfe in Sicht ist, sollte man sich vom Wind in Richtung des nächsten Ufers treiben lassen“, rät der Kommandant der Wasserpolizei.

101 Vermisste seit 1947

Es gibt eine gemeinsame Statistik der Bodenseeanrainerstaaten über die im Gewässer tödlich verunglückten Menschen. Demnach sterben pro Jahr durchschnittlich sieben bis zwölf Menschen durch Ertrinken. Nicht alle Todesopfer können geborgen werden, wie Aigner aus einer makaberen Statistik herausliest, die die im Bodensee vermissten Menschen bis zum Jahr 1947 erfasst. Demnach handelt es sich bis zum heutigen Tag um exakt 101 Personen.

Die Leichen kommen nicht an die Oberfläche, weil der Bodensee zum Teil mehr als 250 Meter tief ist und in der dortigen Kälte der Verwesungsprozess, der zum Aufsteigen der Leichen führt, nur sehr langsam abläuft.

Bodensee-Unfallstatistik 2022

Im Jahr 2022 ereigneten sich auf dem Bodensee 133 Unfälle, das sind 40 weniger als 2021 (minus 23 Prozent). Als Unfälle erfasst wurden Schiffsunfälle, Badeunfälle, Tauchunfälle sowie sonstige Unfälle. Im Berichtszeitraum verloren auf dem Bodensee sowie auf der Hochrheinstrecke elf Personen (Vorjahr 15) ihr Leben, 27 wurden verletzt (Vorjahr 33). Insgesamt ereigneten sich 16 Badeunfälle (minus vier). Dabei verunglückten neun Menschen tödlich (minus vier), neun Schwimmer wurden verletzt geborgen (plus zwei). Im zurückliegenden Jahr wurde ein Tauchunfall (Vorjahr vier) bearbeitet. Ein Taucher erlitt Verletzungen und musste ärztlich behandelt werden (Vorjahr drei).

Am 19. Juni 2022 verunglückte ein Mann mit einem Stand-up-Board im Harder Binnenbecken tödlich. <span class="copyright">Vn/steurer</span>
Am 19. Juni 2022 verunglückte ein Mann mit einem Stand-up-Board im Harder Binnenbecken tödlich. Vn/steurer

Zwei Todesopfer aus Vorarlberg

Am 19. Juni 2022 stürzte ein 22-jähriger Mann im Binnenbecken in Hard von seinem Stand-up-Board und ging unter Wasser. Bereits 15 Minuten nach der Meldung konnten ABC-Taucher der Österreichischen Wasserrettung und Wasserpolizei den Mann aus dem Wasser retten. Trotz erfolgreicher Reanimation verstarb der junge Mann kurze Zeit später im LKH Feldkirch an den Folgen des Unglückes.

Am 11. Juli kam es zu einem tödlichen Badeunfall beim Wocherhafen in Bregenz. Zwei junge Männer beschlossen, diesen schwimmend zu überqueren. Als einer der beiden Krämpfe bekam und in Panik geriet, versuchte der andere Schwimmer, ihm zu helfen. Während der von Krämpfen geschüttelte Mann gerettet werden konnte, ging der helfende Schwimmer selbst unter und ertrank.

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