Der Kindergärtner in der 2. Liga

Sport / 18.11.2024 • 15:00 Uhr
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Durch “Zufall” sei Kerber bei Rapid gelandet, dass er nun im Profifußball coacht, ist der Arbeit der letzten Jahre zu verdanken. GEPA


Jürgen Kerber (39) ist Profi-Trainer bei Rapid II – geplant war das lange nicht. Über Spielerentwicklung, Karrierepläne und Wien-Hütteldorf.

Wien „Absolut!“, meint Jürgen Kerber auf die Frage, ob er denn auf ein Top-Jahr zurückblicke. Begonnen hatte es für den Dornbirner mit dem Abschluss der UEFA-Pro-Lizenz im Herbst des Vorjahres. „Dann ist eines nach dem anderen gekommen.“ In der Regionalliga Ost übernahm er Winterkönig Rapid II und führte die Hütteldorfer Zweitvertretung mit dem Meistertitel und zwölf Punkten Vorsprung zurück in die 2. Liga. „Das war richtig gut – auch die Art und Weise. Und Meister werden ist immer cool, egal wo“, sagt er lachend. Ebenfalls cool: das Hobby zum Beruf machen.

Stadion statt „Kindi“

Dass Kerber einmal in den Profifußball aufsteigen sollte, war so nicht unbedingt einkalkuliert. „In erster Linie war es Zufall“, sagt der 39-Jährige über seine Anfänge. Als Sohn von Trainer-Legende Günther Kerber war er dem Fußball zwar immer schon verbunden, während der Schulzeit arbeitete er in den Sommerferien bei Fußballcamps. „Das hat mir Spaß gemacht, ich habe auch gesehen, dass ich das ganz gut kann.“

Fußball als Beruf war dennoch lange kein Thema. Nach der HAK machte Kerber den Zivildienst, auf dem zweiten Bildungsweg in Wien die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen. Damals kam der Anruf des Rapid-Nachwuchsleiters. Ob er denn Interesse hätte, Nachwuchstrainer zu werden? 

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Seit dem Aufstieg gibt Kerber die Kommandos im Stadion. GEPA

Kerber sagte zu, und begann 2008 eine Trainerkarriere, die er heute als „konservativ aufbauend“ bezeichnet. Von der U8 trainierte er sich durch fast alle Teams in die U18, gründete auch das Special Needs Team. Seit sechs Jahren ist er hauptberuflich Trainer. Zuvor arbeitete Kerber sieben Jahre in einem Kindergarten, leitete zudem drei Jahre lang einen solchen.

Eine durchaus ungewöhnliche Karriere. Die dort gesammelten Erfahrungen im Umgang mit Menschen würden ihm heute aber als Trainer helfen. „Es geht immer um Wertevermittlung – und das ist auch das, was mir taugt. Wenn du weißt, in welcher Phase eine Person welche Unterstützung braucht, tust du dir natürlich einfacher“, erklärt er. 

Zwischen Zielen und Highlights

Der Altersschnitt von Kerbers Team liegt bei 19,3 Jahren. Kindergarten ist das keiner mehr, auch wenn nur Liefering jünger ist. Mit 21 Punkten steht man aktuell auf dem komfortablen siebten Tabellenrang. „Es war schon sehr cool, zu sehen, dass wir gegen die Top-Mannschaften mithalten können“, so Kerber. „Wir haben aber auch gesehen, dass jeder jeden schlagen kann.“ Gegen SW Bregenz (1:1) und Austria Lustenau (2:2) holte sein Team jeweils ein Unentschieden. Mit dem Ziel Klassenerhalt schaut es für Rapid II aktuell gut aus.

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Junges Team, durchaus souveräne Leistungen. Der Klassenerhalt dürfte wohl kein Problem sein. GEPA

Der Tabellenplatz ist dabei zweitrangig. Primär steht das Entwickeln von Spielern mit Perspektive für die Profis. „Das ist unser Arbeitsauftrag. Je früher das einer schafft, desto früher haben wir unseren Arbeitsauftrag erledigt. Ich bin niemand, der die Spieler bei sich behalten will, der von seinen Schäfchen spricht. Das sind unsere Schäfchen.“ Erfolgversprechende Akteure aus Kerbers Herde sind aktuell Liga-Top-Torschütze Tobias Hedl (21) oder Nikolaus Wurmbrand (18), früher waren es Spieler wie Nikolas Sattlberger (KRC Genk) oder Leopold Querfeld (Union Berlin).

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Dass Rapids Ausbildungsarbeit Früchte trägt, sieht man nicht nur in der 2. Liga. Kerber ist auch Cheftrainer des Youth-League-Teams, das heuer erstmals am Bewerb teilnehmen darf. Gegen den SC Braga wurde vor zwei Wochen der Aufstieg in die nächste Runde geschafft, nun wartet der FC Basel. „Das sind schon Highlights“, so Kerber. 

Wann kommt der nächste Schritt?

Highlights, die auch Begehrlichkeiten wecken, zuletzt wurde Kerbers Name bei offenen Trainerposten öfters genannt. „Es war die eine oder andere Anfrage da, das ist nicht abzustreiten“, sagt Kerber. Fügt aber hinzu: „Nicht alles, was in den Medien steht, stimmt auch.“ Und lacht. Einen Karriereplan habe er ohnehin nie gehabt. Schließlich war er ja Kindergärtner, der Rest hat sich ergeben. „Ich habe immer gearbeitet, getan, mich entwickelt – das hat bis jetzt gut funktioniert. Natürlich ist es irgendwann, wenn das passende Angebot kommen sollte, schon ein Thema, auch in der höchsten Linie zu stehen.“

„Ich habe immer gearbeitet, getan, mich entwickelt. Das hat bis jetzt gut funktioniert.“ 

Jürgen Kerber, sieht der Zukunft entspannt entgegen

Stress hat er aber keinen. „Man darf nicht vergessen, dass ich bei Rapid bin, wo die Rahmenbedingungen richtig gut sind, wo ich mich sehr wohlfühle. Das muss dann schon ein richtig gutes Angebot sein.“