Der Steuermann und die nötige Lockerheit

Sport / 17.07.2024 • 18:21 Uhr
Wir treffen uns mit Olympiasegler Benjamin Bildstein Interview Portrait
Ein Boot mit völlig anderen Herausforderungen. Segler Benjamin Bildstein übernimmt unter dem Kommando von Kapitän Michael Mathies das Ruder des MS Sonnenkönigin. Paulitsch

Der Wolfurter Benjamin Bildstein lässt sich vor den Olympischen Spielen nicht aus der Ruhe bringen.

Bregenz, Marseille In zehn Tagen wird es ernst für Benjamin Bildstein. Ab Sonntag, den 28. Juli, segeln der Wolfurter Steuermann und sein Tiroler Vorschoter David Hussl bei den Olympischen Spielen um Edelmetall. Es ist der absolute Höhepunkt der langen Karriere der beiden Segler, die schon seit zwölf Jahren ein Team bilden. Die Spiele in Paris sollen jene in Tokio vor drei Jahren nochmals deutlich übertreffen. Damals belegte das OeSV-Duo am Ende den zehnten Rang.

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Trotz der Wichtigkeit der Aufgabe zeigt sich Bildstein überraschend locker und entspannt. Nach der Einkleidung vergangene Woche in Wien fuhr Bildstein in den Bregenzerwald. In einem Vorsäß in Hopfreben sog er die Vorarlberger Bergkulisse auf und brachte sich bei einigen Wanderungen in Stimmung für die große bevorstehende Aufgabe. Der 32-Jährige weiß, dass er auf alles vorbereitet ist, was in Marseille passieren kann. „Es geht nicht darum, dass ich mich ständig mit allen möglichen Problemen auseinandersetzen und deshalb ständige negative Szenarien wälze“, erzählt Bildstein.

Segeln 49er Benjamin Bildstein und David Hussl
Lange fiebern sie schon darauf hin, bald ist es soweit: Benjamin Bildstein und David Hussl vor Olympia.

Keine Favoriten im Feld

Nach den Olympischen Spielen haben Bildstein und Hussl genau analysiert, was sie besser machen könnten. Eine Erkenntnis war, dass die Segler aufgrund ihres Perfektionismus zu viel Fokus auf den Wettkampf in Japan gelegt haben und dabei eher verkrampft aufgetreten sind, anstatt auf ihre große seglerische Klasse zu vertrauen. Die richtige Mischung zwischen Konzentration, Anspannung und Lockerheit ist die große Kunst. Der richtige Mix scheint nun gelungen. Als hilfreich könnte sich auch erweisen, dass die Situation in Marseille eine deutlich „normalere“ sein wird, als sie während der „Corona-Spiele“ in Tokio war.
Bildstein darf sich in Marseille auf die Unterstützung seiner gesamten Familie freuen, die während aller Wettfahren in Marseille auf der Tribüne die Daumen drücken wird. Vor und nach den Wettkämpfen will er sich auch nicht mehr so extrem abschotten wie in Japan. Das Handy bleibt dieses Mal unter eigener Kontrolle. Ob Bildstein vor Ort etwa Social-Media-Apps benutzen wird, lässt er sich vorerst noch offen. Das will er nach je nach Gefühl und Stimmung vor Ort entscheiden.

Wir treffen uns mit Olympiasegler Benjamin Bildstein Interview Portrait
Wir treffen uns mit Olympiasegler Benjamin Bildstein Interview Portrait

In Marseille sind zwölf Rennen an vier Tagen geplant, am fünften Tag steht schließlich das Medal Race auf dem Plan. Ob dieses Mammutprogramm so durchführbar sein wird, erscheint ob der inkonstanten Winde vor Marseille unsicher. „Für uns bedeutet das, wir müssen vom ersten Moment an bereit sein und dürfen uns keine Fehler erlauben“, sagt Bildstein.

Segeln 49er Benjamin Bildstein David Hussl
Benjamin Bildstein und David Hussl mit ihrem 49er. OesV/Matesa

Einen weiteren großen Unterschied als bei den Spielen in Tokio, als die neuseeländischen Segel-Superstars Dylan Fletcher/Stuart Bithell ihren „Pflichtsieg“ einfuhren, gibt es beim Blick auf das Starterfeld. Vor den Rennen in Marseille gibt es keinen Topfavoriten, sondern ein ganzes Feld an Nationen, denen eine Medaille zugetraut wird. Diese sind je nach Bedingungen sehr unterschiedlich einzuschätzen. So hoffen die französischen Gastgeber etwa auf ständigen Starkwind, da sie in der Vorbereitung das schnellste Setup aller 49er aufgestellt haben. Bei Leichtwind dagegen gelten die Polen als heißer Kandidat. Und wenn das Wetter wechselhaft ist? Dann könnten Bildstein/Hussl ihre seglerische Klasse am besten ausspielen.

Wir treffen uns mit Olympiasegler Benjamin Bildstein Interview Portrait
Benjamin Bildstein im VN-Interview mit Redakteur Johannes Emerich. Paulitsch