„Kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hände“

Eva Pinkelnig (35), Österreichs Sportlerin des Jahres, spricht über Druck im Spitzensport.
Dornbirn Rückblende zum 12. Oktober 2023: In der Stadthalle in Wien werden die Trophäen für Österreichs Sportlerinnen und Sportler des Jahres vergeben. Nominiert ist diesmal auch Skispringerin Eva Pinkelnig. Als Gala-Stargast Marlies Raich ihren Namen aufruft, entfährt der 35-jährigen Harderin ein Jubelschrei. Es ist ein Moment, in denen bei ihr Gefühle wie Freude, Schmerz, Wut und Dankbarkeit gleichzeitig aufbrechen. Es ist der bisherige Höhepunkt einer außergewöhnlichen Sportkarriere. Es ist ein emotionales Feuerwerk für eine Frau, die nach schweren Stürzen und Verletzungen immer wieder aufgestanden, ihren Weg weitergegangen ist und wichtige Botschaften vermitteln möchte.
Ein Jahr wie im Traum
Inzwischen sind zwei Monate seit der Wahl vergangen. Eva Pinkelnig sitzt in einem Aufenthaltsraum des Olympiazentrums Vorarlberg und lässt die Geschehnisse jenes Abends im VN-Gespräch noch einmal Revue passieren. „Die Halle war abgedunkelt, es wurden Highlights eingespielt und plötzlich hörte ich meinen Namen. Das war unglaublich schön“, erinnert sich die als Frohnatur bekannte Skispringerin.
Für sie ist es eine Riesenehre und mit Sportlegenden auf einer Bühne zu stehen wie ein Traum. „Ich weiß, wo ich herkomme“, sagt Pinkelnig. Als Elisabeth Görgl zu WM-Gold fuhr, habe sie Ski verkauft und dies im Fernsehen verfolgt. Genauso wie sie anderen Vorbildern auf ihren Fahrten zu Medaillen zugeschaut hat. „Und ich bin einfach die Eva“, sagt die zierliche Athletin, die mit 24 Jahren den Quereinstieg zum Skispringen gewagt hat.
Der Weg an die Spitze war für Pinkelnig nicht immer rosig. Ihr ist es wichtig, dass auf Bedürfnisse gehört wird. So sprach sie unlängst in einer Folge zur Serie „Under Pressure“, welche den Alltag von Spitzensportlern beleuchtet, über leere Akkus und Wut über den Umgang damit. „Es geht um respektloses Verhalten. Darum, wenn ich sage, ich bin müde und kann nicht mehr und das einfach übergangen wird“, erläutert die sonst so positiv gestimmte Harderin mit ernstem Blick. Hundertmal hätte sie sich auch anhören müssen, dass Dinge nicht gehen.
Nach der Wahl zur Sportlerin des Jahres sieht sie es als Aufgabe, Dinge anzusprechen. „Dass wir sein dürfen, wie wir möchten und Spaß an der Bewegung haben. Es kann nicht jeder jeden Tag gewinnen. Spitzensport sollte gesunde Persönlichkeiten hervorbringen.“ Es tue sich viel im Frauensport. Auch generell sei ein Aufbruch zu spüren, was den Umgang mit Sportlern angeht. „Es wird bewusst, dass wir keine Maschinen sind.“
Für Pinkelnig gehören Themen wie psychische Belastungen enttabuisiert. „Wenn mein Auto kaputt ist, dann fahre ich in die Werkstatt. Wenn meine Seele Schaden genommen hat, dann gibt es Menschen, die helfen können“, zieht die Sportlerin einen einfachen Vergleich und nennt Mentaltrainer oder Sportpsychologen als Anlaufstelle. Dann betont sie: „Es ist Stärke, um Hilfe zu bitten.“ Gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt sei generell ein wichtiges gesellschaftliches Thema.
Gedanken wie diese waren es auch, die der Gesamtweltcupsiegerin im März dieses Jahres durch den Kopf gingen. Damals, als sie die große Kristallkugel überreicht bekam, die Bundeshymne gespielt wurde und ihr die Tränen über die Wangen liefen. In einem Beitrag auf Instagram zitierte sie später den Songtitel „I‘m still standing“, um ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. „Ich schaue aus wie eine Kämpferin, habe Narben auf der Seele und am Körper und gleichzeitig fühle ich mich wie ein kleines Kind an Weihnachten, wenn der erste Schnee fällt“, erläutert sie die Gefühlslage und deutet auf ihren Oberkörper. Ihre Stimme zittert. Wieder sammeln sich Tränen in den Augen der Sportlerin. Die große Glaskugel ist für sie eine Erinnerung daran, Dinge auszuhalten, seinen Werten treu zu bleiben und den eigenen Weg zu finden. Etwas, das ihr keiner mehr nehmen kann.
Mit Durchstehen und Aushalten spielt sie unter anderem auf schwere Verletzungen wie ein Schädel-Hirn-Trauma und ihren steinigen Weg zurück in den Weltcup an. Vor fast drei Jahren erlitt sie bei einem Sturz in Seefeld einen Milzriss. Ärzte kämpften bei einer Notoperation um das Leben der Sportlerin.
Nichts übers Knie brechen
„Ich habe dank des Gesundheitssystems überlebt“, sagt Pinkelnig und bringt ihren Glauben an Gott neben Familie und Freunden als riesige Kraftquelle ins Spiel: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hände und er hat einfach einen guten Plan für mich“, zeigt sich die Gesamtweltcupsiegerin bibelfest und erläutert weiter: „Es ist eine Gnade, nicht nur wieder gesund und fit zu sein und das Leben genießen zu können. Sondern auch solche Dinge erreichen zu können. Das ist ein neues Level von Dankbarkeit.“ Im Moment laboriert die 35-Jährige an einer Knieüberreizung. Deshalb stehen derzeit Athletiktraining im Olympiazentrum, Physiotherapie-Termine und Medienarbeit in ihrem Terminkalender. Den Saisonauftakt in Lillehammer verfolgte sie am vergangenen Wochenende von daheim aus mit. „Aktuell gibt es für mich alles zu verlieren, aber nichts zu gewinnen“, erläutert sie die Lage. Nach weiten Trainingssprüngen Anfang November zwickt das linke Knie ein wenig. „Die Saison dauert noch so lange, da bringt es nichts, wenn man das jetzt buchstäblich übers Knie bricht. Wir schauen jetzt von Woche zu Woche.“
In diese Saison sind die heimischen Skispringerinnen mit einem neuen Trainer gestartet. „Bernhard Metzler (Anm. d. Red.: ehemaliger Vorarlberger Skispringer) hat ein Team geschaffen, in dem auf Augenhöhe agiert wird“, sagt Pinkelnig. „Wir haben ein unglaublich starkes Betreuerteam mit Experten auf verschiedenen Gebieten. Es findet eine neue Art von Kommunikation statt.“ Es herrsche nun ein frischer Wind und es gebe mehr Miteinander. Während das Betreuerteam gewechselt hat, bleiben Pinkelnigs persönliche Ziele dieselben. „200 Meter in Vikersund“, sagt sie und grinst. Und natürlich der Traum von Olympia 2026. „Vorausgesetzt natürlich, der Körper macht mit.“ Zu sehen sein wird die Sportlerin übrigens bald auch im Dokumentarfilm „Siebensekunden“. Dabei geht es um Anerkennung und Gleichstellung. Denn das Skifliegen, die Königsdisziplin beim Skispringen, war für Frauen erst im Frühjahr 2023 erlaubt.
„Ich schaue aus wie eine Kämpferin, habe Narben auf der Seele und am Körper.“
