Wenn der Kopf den Fokus verliert

Alessandro Hämmerles Kopf braucht nach den zwei Gehirnerschütterungen Schonung. Gepa
Alessandro Hämmerle ist genervt von der Situation und wünscht sich einige Veränderungen im Weltcup.
Schwarzach Alessandro Hämmerle ist nachdenklich nach den Ereignissen der vergangenen zwei Monate; und genervt, ob der derzeitigen Situation. Das Wetter draußen ist blendend, seine Teamkollegen reisen gerade zum Saisonfinale nach Kanada, doch der 29-Jährige muss zu Hause bleiben und muss sich schonen.
Nach einer Gehirnerschütterung, erlitten Mitte Jänner beim Training im Montafon, und einem zweiten Schlag auf den Kopf bei der Weltmeisterschaft in Bakuriani Anfang März spürt Hämmerle immer noch die Auswirkungen. Im Alltag ist dies unangenehm, doch auf der Piste wird es schnell gefährlich. „Wenn man voll fit ist, stößt man sich vom Start ab und denkt an nichts anderes. Wenn jetzt aber über Schläge fahre, reißt es mich aus dem Fokus und ich bin nicht mit 100 Prozent bei der Sache“, beschreibt der Montafoner seine Eindrücke. Vergangene Woche absolvierte er vor dem Weltcup in Veysonnaz zwei Trainingsläufe und die Qualifikation. Doch Hämmerle spürte, dass eine Teilnahme am Rennen trotz der siebtbesten Zeit nicht sicher sein würde.

Klage läuft
Der 29-Jährige hat bei seinem Bruder Luca gesehen, wie schlimm und hartnäckig eine Kopfverletzung sein kann. Der inzwischen 26-Jährige hatte im Dezember 2019 bei einem Sturz in Cervinia eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und anschließend zunächst sensibel auf Helligkeit und Geräusche reagiert. Insgesamt dauerte es drei Monate bis Luca Hämmerle wieder fit wurde.
Alessandro Hämmerle hat sich durchecken lassen, kurz nach seinem ersten Sturz war er bei einem Neurologen. Physiologisch ist alles in Ordnung, die Werte liefern keine allzu großen Auffälligkeiten, doch der Kopf gehorchte nicht.
Auch bei der WM dürfte die Gehirnerschütterung eine Rolle gespielt haben. Trotzdem untermauerte der Olympiasieger seine sportliche Ausnahmestellung, bis zu seinem Sturz im Finale lief alles nach Wunsch. Dann wurde er bekanntermaßen vom späteren Silbermedaillengewinner Martin Nörl abgeräumt und fiel wieder auf den Hinterkopf. Die Jury sah darin nach einigen Diskussionen kein Vergehen, ein Protest vor Ort war nicht möglich. Deshalb behielt sich der ÖSV weitere rechtliche Schritte und kündigte einen möglichen Gang vor den Sportgerichtshof CAS in Lausanne an.

„Ich komme immer noch mit allen gut aus. Aber toll finde ich sein Verhalten nicht.“
Alessandro Hämmerle über seinen Kontrahenten Martin Nörl
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„Wir besprechen die Causa im Laufe der Woche nochmals. Unser Coach Christian Galler hat sich schon mit unserem Rechtsanwalt zusammengesetzt. Den Letztstand kenne ich noch gar nicht. Aber – und das hat man zuletzt auch in der Formel 1 gesehen – im Sport wird auch auf höchstem Niveau häufig falsch entschieden“, sagt Hämmerle. Mit dem Rennen an sich hat der zweifache Gesamtweltcupsieger bereits abgeschlossen, in Veysonnaz konnte er mit vielen anderen Fahrern über die Situation sprechen, fast alle bestätigen die Wahrnehmung des Montafoners. Mit seinem Widersacher Nörl hat Hämmerle nach dem Zwischenfall zwar gesprochen, eine Entschuldigung oder eine Einsehen des Deutschen gab es nicht. „Ich komme immer noch mit allen gut aus. Aber toll finde ich sein Verhalten nicht“, gesteht der WM-Vierte von Bakuriani.
Schwierigere Kurse
Für die Zukunft soll sich etwas ändern im Snowboardcross-Weltcup, zumindest wenn es nach Hämmerle geht. Bei den Jury-Entscheidungen soll demnach ein Fahrer oder mindestens Ex-Boarder mitreden: „Man sollte die Situation kennen, über die man entscheidet. Dann kann man die Duelle deutlich besser einschätzen.“

In Veysonnaz hatte Hämmerle unter anderem 2017 im Teambewerb mit Markus Schairer gewonnen. Johnston
Und noch einen Wunsch hat Hämmerle an die Zukunft des Sports. „Seit 2018 ist das Niveau der Kurse extrem zurückgegangen. Es werden vor allem drehende und langsame Kurse gebaut. Wir müssen als Sport wieder auf herausfordernden Kursen fahren“, betont der Olympiasieger. In Veysonnaz seien zuletzt drei zusätzliche Kurven in einen ursprünglich schnellen Kurs gebaut worden. Die Attraktivität habe aber ebenso abgenommen wie die Geschwindigkeit.