Als Familie funktionieren

Sport / 04.08.2022 • 23:30 Uhr
Start in die Eiszeit in der Vorarlberghalle. Bei Temperaturen von über 30 Grad riefen Coach Marc Habscheid und seine Co-Trainer Dylan Stanley und Teemu Pirskanen die Pioneers zur ersten Einheit.<span class="copyright"> stiplovsek</span>
Start in die Eiszeit in der Vorarlberghalle. Bei Temperaturen von über 30 Grad riefen Coach Marc Habscheid und seine Co-Trainer Dylan Stanley und Teemu Pirskanen die Pioneers zur ersten Einheit. stiplovsek

Trainer Marc Habscheid will den gemeinschaftlichen Gedanken bei den Pioneers Vorarlberg gelebt sehen.

Feldkirch Den Familiengedanken trägt der neue Klub wie eine Monstranz vor sich her. Es sei nicht die Mannschaft allein, was die Bemer Pioneers Vorarlberg ausmacht, sieht der neue Trainer Marc Habscheid im Klub ein gemeinschaftliches Modell. „Feldkirch hat im Eishockey eine große Geschichte. Wir starten neu, es müssen alle zusammen mitmachen“, unterstreicht der 59-jährige ehemalige NHL-Stürmer. „Die Mannschaft, ehemalige Säulen des Vereins, die Fans, die Gesellschaft. Wir wollen den Familiengedanken leben, sie alle gehören zu diesem Eishockeyklub.“

Auf einer Wellenlänge

Habscheid liegt mit Präsident Piet Gleim auf einer Wellenlänge: „Marc legt wie ich großen Wert auf den Familiengedanken, wir teilen diese Lebensphilosophie. Mit ihm haben wir die Chance, in den nächsten Jahren als Klub etwas aufzubauen. Er passt zu uns, ist eine coole Socke und auch sehr lustig.“
Er habe immer vorgehabt, irgendwann einmal nach Europa zurückzukehren, erzählt der 59-jährige Kanadier, von den Pioneers mit einem Zweijahresvertrag ausgestattet. „Ich habe in Bern, Zug und Augsburg gespielt, war mit dem Team Kanada hier.“ Das Angebot aus Feldkirch, etwas Neues zu gestalten, habe ihm gefallen. Seine Ranch in Saskatchewan verkaufte der Coach mit Luxemburger Vorfahren und EU-Pass. „Sie war nur einen halben Hektar groß, aber ich wollte es im Leben etwas einfacher haben. Beides ging nicht mehr, der Entscheid fiel für das Eishockey.“ Seine letzte Mannschaft in Prince Albert trainierte er während acht Saisonen, man habe etwas aufgebaut. „Jetzt war es Zeit, weiterzuziehen.“
Mit den Pioneers gab es im Vorfeld Videodialoge, vor allem mit Co-Trainer und Nachwuchsleiter Dylan Stanley. „Er ist hier der King“, bemerkte Habscheid. Seit zwei Tagen ist er in Feldkirch, gewann bereits nachhaltige Eindrücke. „Heute lerne ich den wichtigsten Mann im Klub kennen, den Eismeister.“ Mit den Spielern gab es vor dem ersten Training ein kurzes Kennenlernen. „Sie haben natürlich vorher nachgesehen, wer da kommt und haben schüchtern versucht, auszuloten: ,Was mag er, was ist für ihn wichtig?‘“ Das erste Eistraining wurde von Stanley geleitet. „Ich werde nur beobachten und den Fans Hallo sagen.”
Habscheid und Stanley kennen sich aus gemeinsamen Zeiten in der Western Hockey League. „Bei der Auswahl der Legionäre hat Dylan einen Topjob gemacht“, lobt der Chefcoach. Und wirft ein Bonmot ein: „Wenn es nicht funktioniert, geht es auf Dylans Kappe. Wenn es gut läuft, hole ich das Lob ab.“ Zwei Plätze im Kader sind noch zu vergeben, gibt Habscheid preis. „Wir warten ab, weil wir die Spots mit den besten Leuten besetzen wollen, die wir bekommen können.“

Marc Habscheid, Pit Gleim und Dylan Stanley (v. r.) vor der Wall-of-Fame: „Tradition ist wichtig, ich möchte vieles über die Vergangenheit wissen“, sagt Habscheid. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Marc Habscheid, Pit Gleim und Dylan Stanley (v. r.) vor der Wall-of-Fame: „Tradition ist wichtig, ich möchte vieles über die Vergangenheit wissen“, sagt Habscheid. Stiplovsek

„Niemand wird härter spielen als wir. Und niemand wird mehr Spaß haben als wir.“
Marc Habscheid
Coach der Pioneers Vorarlberg


Dass die Pioneers die Mannschaft mit dem höchsten IQ sein werden, sei kein Zufall, erklärt Stanley die Rekrutierung der Legionäre. Jack Jacome, Clayton Kirichenko, Hampus Eriksson, Matt Revel oder Tyler Sandhu kommen allesamt aus Universitäten. „Wir haben großen Wert darauf gelegt, Spieler zu bekommen, die eine gute Ausbildung haben und intelligent sind. Unsere Spieler sind jung, bringen über ihr Studium eine gewisse Reife mit. Sie kommen aus anerkannten Ligen, sind Leaderfiguren, drei waren Kapitäne bei ihren Mannschaften.“ Man werde immer einen finden, der einen besseren Schuss habe oder schneller eislaufen könne. „Aber am Ende des Tages ist es das Ziel, dass er uns mit seinem Teamgeist in der Kabine weiterhelfen kann.“ Kein Maßstab wäre auch ein Vergleich im Spielplan mit 25 bis 30 Spielen, wie sie einige der neuen Legionäre in der Statistik stehen haben: „Sie sind harte Arbeiter. Mit Testspielen und nationalen Einsätzen bringen sie auch mehr Partien zusammen, als es die Statistik aussagt. Sie haben professionel trainiert, das sind keine Mickey-Mouse-Colleges,“ so Stanley. „Sie wissen alle, dass sie in guter Form zu uns kommen müssen. Da mache ich mir keine Sorgen.“ Habscheid ergänzt: „Nicht das Team macht die besten Spieler, die Spieler machen das beste Team. Ich war einmal mit zwölf Kollegen, die alle in der Hall-of-Fame waren, in der Kabine. Sie haben mir das Gefühl gegeben, als sei ich der wichtigste Spieler im Team.“ Er wolle das Wir-Gefühl vermitteln, auf dem und abseits vom Eis. „Niemand wird härter spielen als wir und niemand mehr Spaß haben als wir.“

Alte Bekannte

Vom österreichischen Eishockey weiß Habscheid noch nicht sehr viel. Aber er kennt einige Coaches aus der Liga. Dave Barr (Vienna Capitals), Kevin Constantine (Fehervar), Rob Daum (Villach) oder Glen Hanlon (Bozen), der im Spengler Cup sein Co-Trainer beim Team Canada war, mit dem er in Detroit auch zusammengespielt hat. Und mit einem Sportler aus Vorarlberg ist er ebenfalls bekannt: „Ich habe Marc Girardelli bei den Winterspielen 1988 in Calgary kennengelernt. Wir sind ja beide Luxemburger.“