Über das Reichshofstadion ins Santiago Bernabeu

Mit Sheriff Tiraspol schockte Ex-Austria-Lustenau-Kicker Bruno Real Madrid.
Madrid, Lustenau Manche umarmten sich auf Knien, andere rannten nur noch auf Socken über den Rasen des legendären Estadio Santiago Bernabéu. Mit ihrem Sensationssieg bei Real Madrid hat die Wundermannschaft von Sheriff Tiraspol sogar noch das Traumtordebüt von Lionel Messi im Trikot von Paris Saint-Germain und den Sieg von PSG im Duell mit Manchester City in den Schatten gestellt. „WOW“, kommentierte sogar die UEFA den 2:1-Erfolg des krassen Außenseiters aus Moldau gegen gedemütigte und blamierte „Königliche“ um den ehemaligen Bayern-Abwehrchef David Alaba und den eingewechselten 2014er-Weltmeister Toni Kroos, der sich sein Comeback nach langer Verletzungspause auch anders vorgestellt hatte. Der Chefredakteur der spanischen Sportzeitung „As“ meinte: „Totaler Schock im Bernabéu. Unerklärlich.“ In der 89. Minute sorgte ein gewisser Sébastien Thill, 27 Jahre alter Luxemburger, der im Januar dieses Jahres vom FC Progrès Niederkorn an Tiraspol ausgeliehen wurde, für die Entscheidung, die in der Fußballwelt so schnell nicht vergessen werden dürfte.

„Ich habe zu Hubert Nagel gesagt: Das, was Bruno hat, kann man nicht lernen. Das, was er nicht hat, kann man lernen.“
Thiago Lima da Silva, ehemaliger Mitspieler von Bruno bei Austria Lustenau
Bruno mittendrin
Vergessen hat man hierzulande auch nicht einen gewissen Bruno Felipe Souza da Silva. Denn der 27-jährige Offensivspieler von Tiraspol war Teil des historischen Fußballmomentes im Santiago Bernabeu in Madrid. Bruno kam in Minute 57. für den Torschützen zum 1:0 Jasur Jakhshibaev und machte es ihm in der 72. Minute gleich nach, als er Real Madrids Tormann Thibaut Courtois zur erneuten 2:1-Führung bezwang. Einzig der VAR hatte etwas dagegen, erkannte den Treffer des Brasilianers nicht an. Aus Sicht der Moldauer egal, es gab ja noch einen Herrn aus Luxenburg.
Aus den Slums von Sao Paolo
Fußball spielen gelernt hat Bruno in Lustenau bei der Austria. Entdeckt hat ihn Thiago Lima da Silva, langjähriger Stürmer der Grün-Weißen, im Winter 2015 in einem Slum in seiner Heimat Sao Paolo. „Bruno hat, bevor er zur Austria kam, nirgends gespielt. Mein Vater und ich haben ihn eines Tages bei meinem Heimaturlaub im Park spielen gesehen. Dann hat mein Vater alles in die Wege geleitet, dass er nach Österreich reisen kann“, schwelgt Thiago in Erinnerungen. Angekommen in Lustenau durfte sich Bruno, dessen Schnelligkeit schon damals außergewöhnlich war, bei den Amateuren in der Vorarlbergliga probieren. „Er musste fußballspezifisch alles lernen, hatte keine Ahnung von Laufwegen, Taktik oder Koordination. Aber er hat schnell gelernt“, so der Entdecker Brunos. Einen richtig großen Schub gab ihm der erste Profivertrag bei der Austria. Wobei der damalige Präsident Hubert Nagel seine Zweifel hatte. Doch Thiago fand die richtigen Worte, um den Alt-Präsi zu überzeugen. „Ich habe gesagt: Das, was Bruno hat, kann man nicht lernen. Das, was er nicht hat, kann man lernen“. Danach explodierten die Leistungen von Bruno, Bundesligist LASK sicherte sich 2017 die Dienste des Brasilianers. Von dort holte ihn Damir Canadi zu Atromithos Athen (2018), wo er in Griechenland auf sich aufmerksam machte. Zwar so, dass das „Bayern München von Griechenland“, Olympiakos Piräus zuschlug und den Offensivmann unter Vertrag nahm. Eineinhalb Jahre spielte er für den größten hellenischen Klub. Nach einem kurzen Gastspiel bei Aris Saloniki wechselte Bruno im August dieses Jahres zu Sheriff Tiraspol in die Republik Moldau – und schickte sich an, Champions-League-Rekordsieger Real Madrid zu besiegen. Alles zu wahr, um als Märchen durchzugehen.



