Auf emotionalen Drahtseilakt und Bronze folgte schlaflose Nacht

Sport / 06.08.2021 • 23:30 Uhr
Auf emotionalen Drahtseilakt  und Bronze folgte schlaflose Nacht
Karatekämpferin Bettina Plank ist die erste Vorarlbergerin, die bei olympischen Sommerspielen eine Medaille gewonnen hat. GEPA

Wettkampf in Tokio war für Bettina Plank Tanz auf der Rasierklinge. Familie fieberte in Feldkirch mit.

Tokio, Feldkirch Karatekämpferin Bettina Plank ist die erste Vorarlbergerin, die bei olympischen Sommerspielen eine Medaille gewonnen hat. Die 29-jährige Feldkircherin hat immer von Olympia geträumt. Mit dem 3:1-Sieg im letzten Vorrundenkampf gegen die Ägypterin Radwa Sayed und dem Einzug ins Halbfinale und dem damit verbundenen fixen Medaillengewinn erfüllte sie sich ihren Lebenstraum. Daran änderte auch die anschließende 3:4-Niederlage gegen die spätere Olympiasiegerin Iwet Goranowa nichts mehr. „Ich habe im Halbfinale nicht Gold oder Silber verloren, ich habe habe Bronze gewonnen“, betonte die HSLZ-Sportsoldatin tränenüberströmt.

Jogginglauf um 3 Uhr in der Früh

Die Zeit bis zur Siegerehrung und die Stunden waren der krönende Höhepunkt einer emotionalen Achterbahnfahrt und selbst ein Hollywood-Regisseur hätte das Happy End kaum besser inszenieren können, als es Bettina Plank schaffte. Nach den turbulentesten Monaten in ihrer Sportlerlaufbahn und der Vorgeschichte mit der unnachgiebigen Negativserie bestätigte Plank in beeindruckender Manier, dass sie zu Recht seit Jahren zu den welt besten Athletinnen in ihrer Gewichtsklasse zählt. „Es war sprichwörtlich ein Tanz auf der Rasierklinge. Doch Dank meines perfekten Umfeldes habe ich es geschafft, am Tag X das Maximum abzurufen. Es war ein psychologische Drahtseilakt, doch am Ende ist alles vergessen und die grenzenlose Freude über die Medaille überwiegt alles.“

Bettina Plank

Geboren 24. Februar 1992 in Feldkirch

Größe/Gewicht 163 cm/50 kg

Familie Eltern Karin und Gerhard „Toni“, Schwester Nadja

Wohnorte Feldkirch bzw. Linz

Ausbildung Matura am Sportgymnasium Dornbirn; Bachelorstudium Soziale Arbeit FH Linz (Abschluss 2020)

Beruf HLSZ-Sportsoldatin (Dienstgrad Zugsführer)

Vereine KC Kleiner Drache Mäder und Karate-do Wels (OÖ)

TRainer Juan Luis Benitez Cardenes (ESP), Bundestrainer Kumite

Sportliche Erfolge

Europaspiele: Gold 2019; Silber 2015; Weltmeisterschaften: Silber: 2009 (Junior); Bronze 2018, 2015; Europameisterschaften: Gold 2015; Silber: 2019, 2018, 2014, 2013 (U21), Bronze: 2017, 2015, 2011, 2009 (Junior); Premier-League-Turniere: 29 Top3-Plätze (10/3/16)

So turbulent wie der Wettkampf und die Flower Cereomy verliefen auch die Stunden danach. „Ich war so mit Adrenalin vorgepumpt, dass ich am liebsten die ganze Welt umarmt hätte.“ Nach einem Interviewmarathon kehrte Plank erst nach Mitternacht ins Olympische Dorf zurück, doch trotz der körperlichen Strapazen war an Schlafen nicht zu denken. Um die unbeschreiblichen Emotionen und Erlebnisse etwas zu verdauen, ging die Bronzemedaillengewinnern um 3 Uhr joggen: „Es waren verdammt harte Wochen. Vielleicht hat es so sein müssen, dass ich das jetzt so erleben durfte und konnte. Ich glaube, es war mein Tag, an dem ich über mich hinausgewachsen bin. Ich bin einfach megahappy und megastolz. Bis ich die ganze Sache hier in Tokio richtig realisieren werde, wird sicher noch einige Zeit dauern. Als ich nach knapp zwei Stunden wieder wach wurde und die Bronzene habe ich mir selbst in die Wange gekniffen um zu prüfen, ob ich träume oder alles wirklich wahr ist.“

„Um zehn Jahre älter geworden“

Ein kleiner Wehrmutstropfen war sicher der Umstand, dass beim größten Erfolg ihrer Karriere die Familie nicht vor Ort waren. „Es war natürlich schade, doch wer weiß, vielleicht war dies der Schlüssel zum Erfolg“, betonte Vater Gerhard. Gemeinsam mit Gattin Karin, Tochter Nadja und Schwägerin Brigitte fieberte der stolze Vater zu Hause in Feldkirch den sportlichen Ritterschlag der Tochter. „Wir sind schon eine Stunde vor Beginn des ersten Kampfes vor dem Fernseher gesessen und haben alle mitgefiebert. Aufgrund der Dramatik sind mir bei jedem Kampf mindestens 100 graue Haare gewachsen und am Ende bin ich mindestens um zehn Jahre älter geworden“, beschreibt Gerhard die Stunden während des Wettkampfes. Gerhard, eigentlich von allen „Toni“ genannt und gerufen, ist seit 13 Jahren Präsident des KC Kleiner Drache Mäder und ist durch seine Tochter zum Karatesport gekommen. „Wenn möglich, sind wir bei allen großen Wettkämpfen vor Ort.” Dass dies in Tokio nicht möglich war, mindert aber die Freude nicht: „Nervöser war ich eigentlich nur bei der WM 2016 in Linz. Damals galt Bettina als Favoritin und die Erwartungshaltung der Außenwelt war um einiges höher als diesmal in Tokio. Diesmal war Bettina nicht zuletzt aufgrund der Vorgeschichte klare Außenseiterin. Sie wollte gewinnen, aber sie musste nicht.“

Beim letzten Telefonat vor zwei Tagen hat der Vater seiner Tochter Mut zugesprochen: „Egal was am Ende rauskommt: So wie es kommt, kommt es. Hauptsache ist, dass du gesund nach Hause kommst.“

Coach entscheidender Mosaikstein

Einen großen Anteil am historischen Coup hat für den Vater die Arbeit von Coach Juan Luis Benitez Cardenes: „Ich glaube, ohne ihn wäre es nicht möglich gewesen. Ohne die detaillierten Hintergründe genau zu kennen hat er Bettina ich kürzester Zeit aus dem psychischen Loch herausgeholt. Er hat nicht nur in den letzten Wochen, sondern seit Beginn der Zusammenarbeit in akribischer Art und Weise auf den Tag X hingearbeitet. Ich glaube es gibt keinen Tag, an dem Juan Luis nicht an Karate denkt. Neben einigen anderen Dingen war es sicherlich der entscheidende Mosaikstein zum Gewinn der Olympiamedaille und den vielen vorangegangen Erfolgen.“

Empfänge in Wien, Linz und Mäder

Bevor Plank kommenden Freitag in Mäder von ihrem Heimatverein empfangen wird, warten noch andere Termine. Am Dienstag werden die Tokio-Medaillengewinner in der Hofburg in Wien erwartet und anschließend stehen zwei Ehrungen in ihrer Wahlheimat Linz auf dem Programm.

Dragan Leiler war vor 20 Jahren der Entdecker von Bettina Plank. „Ich freue mich total für Betty und war überglücklich als feststand, dass sie die Medaille fix hat. Sie hat sich ihren Kindheitstraum verwirklicht und ich bin unsagbar stolz darauf, zu Beginn und teilweise noch jetzt dazu beigetragen zu haben.“ In der Stunde des größten sportlichen Erfolges von Bettina Plank erinnert sich Dragan Leiler an die Anfänge zurück. „Bei einem Anfängerkurs in Götzis hat sie sich als scheues Mädel mit acht Jahren vor mich hingestellt und gemeint, sie möchte nur in meiner Gruppe trainieren“, blickt der mehrfache WM- und EM-Teilnehmer zurück. „Was wir von der ersten Sekunde aufgefallen ist, war ihre Beweglichkeit. Zudem haben mich ihre klare Vorstellungen beeindruckt. Sie hat gleich gesagt, was sie will.“

„Ein Kindheitstraum, der wahr wurde“

Fasziniert war Leiler auch vom unbändigen Willen seines Schützlinges: „Ich kann micht nicht erinnern, dass sie jemals ein Training ausgelassen hat. Während ihrer Zeit am Sportgymnasium Dornbirn war sie auch bereit, vor großen Wettkämpfen sogar in der Früh um 5.30 Uhr eine Trainingseinheit zu absolvieren. Obwohl der Karatesport damals noch gar nicht im olympischen Programm war, hat sie immer versucht, sportlich nach dem Maximum zu streben und den Sport als schönste Nebensache der Welt zu sehen. Die Kunst, ein Ziel zu verfolgen und bereit zu sein, dafür auf andere Dinge zu verzichen, hat sie schon zu Beginn ihrer internationalen Karriere ausgezeichnet und diese Tugend hat sie bis heute behalten.“

Ein weiterer Meilenstein für Leiler in der Entwicklung von Plank war die hochprofessionelle Lebenseinstellung. „Nach der Matura am Sportgymnasium 2011 hat Betty die Gunst der Stunde genutzt und konnte sich als Heeresleistungssportlerin auf ihren sportlichen Werdegang konzentrieren. „Da ich selbst berufstätig bin, konnte ich die stetig steigenden Anforderungen als Trainer nicht mehr komplett erfüllen. Die Verpflichtung von Juan Luis Benitez Cardenes als Bundestrainer 2013, kombiniert mit der Verlagerung des Lebensmittelpunkten nach Linz, waren ein finale Schritt dafür, dass Betty in den letzten Jahren sukzessive zur absoluten Weltspitze aufgestiegen ist und sich in Tokio ihren sportlichen Lebenstraum verwirklicht hat. Sie ist nicht nur wegen der Bronzemedaille ein perfektes Vorbild für junge Sportler, sondern auch ein ganz besonderer Mensch, der weiß, was er will und das schaffen kann.“