Deshalb soll der Rekord von Dino Zoff gegen Österreich fallen

Italiens Torwartlegende und EM-Finaltrainer von 2000 warnt im Interview seine Landsleute davor, Gegner Österreich zu unterschätzen.
Rom Er ist der einzige Italiener der Fußball-Geschichte, der sich Weltmeister und Europameister nennen darf. Vor allem aber ist Torhüter-Legende Dino Zoff (79) ein italienisches National-Heiligtum. Auch deshalb, weil er den Menschen trotz seiner Erfolge stets auf Augenhöhe begegnet. Der im Friaul geborene Torhüter hat in seiner Karriere viele Rekorde gebrochen. Einer davon könnte am Samstag gegen Österreich fallen. 1143 Minuten blieb Zoff ungeschlagen. Am Samstag könnte dieser Rekord geknackt werden. Ein anderer dauert noch länger: Noch immer ist er der älteste Spieler, der je Fußball-Weltmeister geworden ist, als er 1982 im Alter von 40 Jahren als Mannschaftskapitän von Italien den Pokal in dne Händen hielt. Im VN.at-Interview blickt „Dino Nationale“ zurück und voraus.
Bitte erlauben Sie mir eine Frage, die ich jedem Italiener stelle, weil man immer eine ganz exakte, persönliche und emotionale Antwort bekommt. Wo haben Sie das Finale der WM 1982 verfolgt?
(Lacht) Das weiß ich genau. Ich habe das Spiel im Madrider Bernabeu-Stadion vom Tor der italienischen Fußball-Nationalmannschaft aus verfolgt. Wir haben gegen Deutschland 3:1 gewonnen, danach durfte ich als Kapitän den Pokal in die Höhe halten. Ich war in diesem Moment sehr stolz und glücklich. Zufrieden?
Ja, absolut – vielen Dank. Sie sind Welt- und Europameister. Wacht man täglich mit diesem Gedanken auf?
Nein, auf gar keinen Fall. Es erfüllt mich mit Stolz, zu den Besten meiner Zeit gehört, und mein Land erfolgreich repräsentiert zu haben. Aber dieser Glanz, den man auch als Welt- und Europameister genießt, nimmt schnell wieder ab. Sprechen wir doch lieber über die Spieler von heute.
Trauen Sie Italien zu, erstmals seit dem mit Ihnen geholten EM-Titel von 1968 wieder Europameister zu werden?
Das ist schwer vorauszusagen. Ich würde sagen, die Mannschaft hat bis jetzt hervorragend gespielt, und besitzt auf jeden Fall das Potential, um es ins Halbfinale zu schaffen. Dort ist dann für alle vier verbliebenen Teams vom Ausscheiden im Halbfinale bis zum Titel alles möglich.
Sie sind im italienischen Nationalteam zwischen 1972 und 1974 insgesamt 1143 Minuten in Serie ohne Gegentor geblieben. Ihrem aktuellen Nachfolger Gianluigi Donnarumma fehlen noch 88 Minuten, um diesen Rekord zu knacken. Wünschen Sie es ihm, dass er eine neue Bestleistung aufstellt?
Ja natürlich wünsche ich mir, dass mein Rekord gegen Österreich geknackt wird. Weil das automatisch bedeutet, dass Italien erfolgreich spielt. Wobei mir die Bezeichnung „mein Rekord“ in dieser Hinsicht nicht gefällt. Wenn nämlich ein Torhüter ohne Gegentor bleibt, ist das immer der Verdienst der gesamten Mannschaft.
Was zeichnet dieses neu geformte italienische Team bei der EM aus?
Da kommen sehr viele Faktoren zusammen. Trainer Roberto Mancini macht eine hervorragende Arbeit. Er war ein großartiger Spieler, und hat es geschafft, seinen Spielmodus auf die Mannschaft zu übertragen. Es ist ein Spiel, das sehr schön anzusehen ist, obwohl ich sagen muss, dass ich persönlich im Fußball kein großer Freund der Ästhetik bin. Am Ende zählen dann doch immer wieder die Nummern und das Ergebnis. Ich habe meine Spiele lieber gewonnen, anstatt Komplimente für eine gute, aber nicht gewonnene Partie zu bekommen. Wenn man, so wie unsere Nationalmannschaft, 30 Spiele in Serie nicht verliert, dann hat man vieles richtig gemacht.
Geben Sie Österreich in diesem Spiel eine Mini-Chance?
Ich glaube, dass es für Italien ein sehr schwieriges Spiel werden wird. Der größte Fehler, den Italien machen kann, wäre es, den Gegner zu unterschätzen. Ich glaube auch nicht, dass das passieren wird. Österreich hat mir gegen die Ukraine sehr gut gefallen. Es gibt eine gute Mischung aus jungen und routinierten Spielern. Man muss solche Partien immer erst einmal spielen.
Zur Person
Dino “Nationale” Zoff
2004 setzte ihn Pelé auf die Liste der besten 125 noch lebenden Fußballspieler
Geboren 28. Februar 1942 in Mariano del Friuli, Italien
Laufbahn als Spieler Udinese Calcio (1961 bis 1963), AC Mantova (1963 bis 1967), SSC Napoli (1967 bis 1972), Juventus Turin (1972 bis 1983)
Laufbahn als Trainer Juventus Turin (1988 bis 1990), Lazio Rom (1990 bis , Nationalmannschaft Italien (1998 bis 2000), Lazio Rom (2001), AC Fiorentina (2005)
Länderspiele 112
Der 1942 in Mariano del Friuli geborene Sohn eines Landwirts spielte lange Zeit wegen zu geringer Körpergröße in der Landesliga. Erst 1961 im Alter von 19 Jahren gab er seinen Beruf als Automechaniker auf und wurde Torhüter bei Udinese. Sieben Jahre später stand er bei Italiens einzigem EM-Titel 1968 bereits im Tor. Bis heute ist Zoff der älteste Weltmeister der Fußball-Geschichte. Bei Italiens Weltmeistertitel 1982 war er 40 Jahre alt. Mit Juventus Turin holte Zoff sechs Meistertitel als Spieler sowie je einen Europacuptitel als Spieler und Trainer. Als Nationaltrainer erreichte er mit Italien bei der EM 2000 das Finale. Zoff lebt – und trainiert weiterhin täglich – abwechselnd in Rom und vor allem im Sommer im Friaul.
Welche Erinnerungen haben Sie persönlich an Österreich?
Ganz besonders natürlich den 1:0-Sieg mit Italien bei der WM 1978 in Argentinien. Ich stamme aus dem Friaul, wir sind ja Nachbarn. In meinem Heimatort Mariano del Friuli, gibt es ja auch ein kleines Fußball-Museum, in dem auch ein Trikot von eurem Torhüter Friedl Koncilia einen Ehrenplatz hat. Er war sicherlich einer der besten Torhüter unserer Generation. Es war für mich immer eine besondere Freude, ihn zu sehen und gegen ihn zu spielen.
Was machen Sie heute?
Ich war schon als Spieler immer ein fleißiger Trainierer und versuche auch weiterhin mich mit täglichem Sport gesund und fit zu halten. Außerdem freut mich, dass meine Meinung auch in Italien immer noch gefragt ist, deshalb arbeite ich auch öfter für Zeitungen und Fernsehstationen.
Sie sehen blendend aus, hat es Sie nie gereizt, noch zu spielen?
Ich habe seit dem verlorenen Europacupfinale mit Juventus Turin gegen den Hamburger SV im Jahr 1983 kein Spiel mehr bestritten. Gereizt hätte es mich schon, ich hätte auch körperlich sicher sehr lange gut mithalten können. Das heutige Spiel, in dem die Torhüter viel schneller als früher ausgeschlossen werden können, wäre allerdings nicht meines.
Das Interview führte Harald Bartl, Fußballchef der Oberösterreichischen Nachrichten.







