Mein EURO-Tagebuch (Teil 11): Wie eine Teppich-Ausstellung

Das Beste kommt zum Schluss, so meine Überlegungen. Also den Tag nutzen, um sich ein Bild vom Größenwahn des ehemals diktatorisch regierenden rumänischen Staatspräsidenten Nicolae Ceaușescu zu machen. Allein die Fahrt zum Parlamentspalast ist kurzweilig, versteht es mein Taxifahrer Mihai doch bestens, mich mit vielen Geschichten rund um diesen gigantischen Bau am Ende des Bulevardul Unirii zu unterhalten. Kaum mehr vorstellbar, aber der neostalinistische Diktator ließ für das Bauwerk der Superlative Ende der 1970er-Jahre historische Wohnhäuser mit rund 40.000 Wohnungen, dazu ein Dutzend Kirchen und drei Synagogen abreißen und Teile der Bukarester Altstadt räumen. Ich höre zu und wundere mich, fühle dennoch die Spannung für einen Besuch der frei zugänglichen Räumlichkeiten des nach dem Pentagon flächenmäßig wohl größten Gebäudekomplexes der Welt. Der ursprüngliche Name des Bauwerks „Casa Poporului“ (Haus des Volkes) klingt angesichts der damals drastischen Maßnahmen wie eine Verhöhnung. Gut deshalb, dass das Volk wenigstens beim Abriss des Klosters „Mihai Voda“ protestierte und dafür weltweit Unterstützung erhielt. Die Lösung? Es wurde , so Mihai, einfach um ein paar hundert Meter verschoben.
Ich hänge an den Lippen meines rumänischen Freundes und staune weiter, als er davon berichtet, dass über fünf Jahre lang mehr als 20.000 Arbeiter am zweitgrößten Verwaltungsgebäude gearbeitet haben sollen. Allein, so Mihai, die Zahlen und Fakten von damals würden sich nie wirklich verifizieren lassen.
Umso realer sind die Innenräume, die ich besichtigen darf. Beeindruckend? Nein! Überwältigend? Ja! Nie zuvor sah ich so viele Teppiche, der längste erstreckt sich über 150 Meter, dazu Kronleuchter in allen Schattierungen und Vorhänge mit einer Länge von 60 m und einem Gewicht von 250 kg. Dass Ceaușescu ausgerechnet bei seiner letzten Rede vom Balkon an das Volk just von diesem entmachtet und der Palast gestürmt wurde, entbehrt am Ende der Erzählungen nicht einer gewissen Ironie.


