Schiedsrichter Robert Schörgenhofer über kontroverses Handspiel

Auf den ersten Pfiff von Danny Makkelie warten viele. Der Niederländer wird am Freitag das Eröffnungsspiel der EURO 2020 leiten. Er ist einer von 18 nominierten Referees. Dazu gibt es ein paar weitere interessante Details. Zu den 18 Schiedsrichtern aus 13 Nationen gesellt sich ein Team aus Argentinien. Im Zuge eines Austausches kommt Fernando Rapallini zu dieser Ehre. Auch eine Frau, Stéphanie Frappart, kommt zum ersten Mal bei einer Männer-EM zum Einsatz. Allerdings wird sie nur als 4. Offizielle agieren.
Fast schon gigantische Ausmaße hat das Schiedsrichter-Team für ein Spiel. Umfasst es doch neun Personen. Neben dem amtierenden Mann auf dem Feld mit seinen zwei Assistenten gibt es den bekannten 4. Offiziellen und einen Ersatz-Assistenten. Dazu kommen vier VARs, wobei nur einer das Sagen hat und von den drei Kollegen unterstützt wird. Gesamt sind 22 VARs im Einsatz. Deren Zentrale wird in Nyon, am UEFA-Hauptsitz sein. Von dort aus erfolgt der entscheidende Eingriff, sofern klare Fehlentscheidungen passieren. Diese Herren wurden darauf trainiert, wirklich nur bei eindeutigen Fehlern einzugreifen. Bei jeder Kann-man- muss-man-nicht-pfeifen-Entscheidung wird der VAR keinen Kontakt zum Schiedsrichter aufnehmen.
Wundern darf man sich über die IFAB-Änderung bezüglich des Handspiels. Ziel jeder Regeländerung ist es, diese einfacher und verständlicher zu machen. Ob dies beim Handspiel gelungen ist, wird sich erst zeigen. Strafbares Handspiel liegt nun vor, wenn ein Spieler absichtlich den Ball mit der Hand bzw. dem Arm spielt und die Hand oder der Arm zum Ball geht. So weit, so gut. Etwas mehr Spielraum lässt folgende Formulierung zu: Wenn der Spieler den Ball mit der Hand oder dem Arm berührt und so seinen Körper unnatürlich vergrößert. Wobei eine natürliche Hand-/Armhaltung in der Bewegung nicht strafbar ist. Das bedeutet für den Schiedsrichter, in Sekundenschnelle einzuschätzen, ob die Armhaltung mit der Bewegung des Spielers zusammenpasst. Für jemanden, der nie Fußball gespielt hat, ist dies fast ein Ding der Unmöglichkeit, denn: Was für den einen natürlich ist, ist für den anderen strafbar. Somit wird die Handspiel-Regel weiter für Diskussionsstoff sorgen. Nicht verändert hat sich die Regelung, dass mit der Hand/dem Arm direkt kein Tor erzielt werden kann. Gestrichen wurde dagegen der Passus, wenn der Ball unabsichtlich mit der Hand/dem Arm einem Mitspieler zugespielt wird und dieser unmittelbar darauf ein Tor erzielt. Nun zählt dieser Treffer.
Ansonsten wurden die Schiedsrichter auf die üblichen Vorgaben geschult. Diese beinhalten den Schutz der Spieler, Halten und Stoßen im Strafraum zu unterbinden, gegen Reklamieren und Rudelbildungen energisch vorzugehen. Denn das Image des Fußballs liegt der UEFA sehr am Herzen. Ich freue mich schon auf das Auftaktspiel und werde den Kollegen ganz genau auf die Pfeife schauen.
Robert Schörgenhofer (48) ist ehemaliger FIFA-Referee und nunmehr SR-Beobachter.