Super Bowl 55: Wie sich American Football verändert

Sport / 04.02.2021 • 12:00 Uhr
Super Bowl 55: Wie sich American Football verändert
Im Juli 2020 verlängerte Patrick Mahomes seinen Vertrag bei den Kansas Chiefs bis 2032, der ihm bis zu 503 Mill. Dollar einbringen könnte. Dies ist der bisher höchst dotierte Vertrag eines Profisportlers. AP

Trends, Tendenzen und der mögliche Tod des Sports.

Schwarzach In der Nacht auf Montag (0.30 Uhr MEZ) stehen sich im Tampa die Quarterbacks Tom Brady und Patrick Mahomes mit ihren Mannschaften in Super Bowl 55, dem Endspiel in der National Football League (NFL) gegenüber. Anhand der beiden Spielmacher, auf Seiten der gastgebenden Tampa Bay Buccaneers Allzeitgröße Tom Brady (43) und bei Titelverteidiger Kansas City Chiefs Patrick Mahomes (25), lassen sich ein paar der Veränderungen im American Footballsport trefflich erklären. Der Sport hat in den letzten 20 Jahren im Kern vier große Entwicklungen durchlebt, die meisten sind gekommen, um zu bleiben. Eine davon könnte sogar den möglichen Tod der Sportart bedeuten.

Offense über alles

Die goldene Regel im Football lautete jahrzehntelang „Defense wins championships“, mit einer starken Verteidigung holt man Titel. Diese Weisheit wird immer mehr zur Floskel degradiert. Denn die NFL hat erkannt, dass attraktiver Offensiv-Football für Quoten, Fans und Stimmung besser ist als ein knallhartes Defensivduell. Regeln wurden angepasst, Offenses (zu) stark bevorteilt. Eine gute Defensive hilft zwar nach wie vor, aber Offensive übertrumpft fast alles. Somit ist es auch kein Zufall, dass die zwei besten Passangriffe der Liga im Endspiel aufeinandertreffen. Tom Bradys gesamte, höchst erfolgreiche Karriere fällt ebenfalls nicht ganz zufällig in den Passspiel-Boom der NFL.

Innovationslabor College

Wo sich die NFL in punkto Neuerungen oft im Schneckentempo bewegt ist das eine Leistungsstufe darunter, im College Football, ganz anders. Viele der gängigsten Konzepte für erfolgreiches Angriffsspiel (Spread, RPO, Air Raid, falls sie weiter darüber nachlesen wollen) stammen aus den Versuchslaboren junger motivierter Coaches, die durch Erfolge am College-Level und damit verbundenen Beförderungen diese Konzepte auch in die NFL brachten. Chiefs-Quarterback Patrick Mahomes (heute 25) ist mit solchen Trainern und Schemata sozialisiert worden. In der NFL ist er seither drauf und dran sie gemeinsam mit seinem kreativen Headcoach Andy Reid zu perfektionieren.

Pass vor Lauf

Noch nie wurden in einer NFL-Saison so viele Punkte erzielt wie 2020. Noch nie gab es so viele Passing Touchdowns, noch nie wurden so viele Würfe an den Mann gebracht. Die Liste an Rekorden ließe sich fast beliebig fortsetzen, die wichtigste Tendenz ist und bleibt aber: Passen, passen, passen. Fast egal ob man den „Analytics“ (moderne Datensammlungen bzw. Datensätze mittels derer sich gezieltere Vorhersagen auf Spiel, Gegner und Taktik treffen lassen) oder den eher traditionelleren Statistiken vertraut. Das Passspiel ist der effizienteste Weg, um Punkte zu erzielen, das Laufspiel oft nurmehr Makulatur.

Football? Nicht für mein Kind!

Die besten Highschool-Athleten landen am College, die besten College-Athleten haben eine Chance auf die NFL und nur die besten werden schließlich auch in die NFL gedraftet. Diese Mehrfach-Selektion bzw. Aussiebung befördert zwar immer hochkarätigere Talente in die er eines ist dadurch ebenso klar: Athleten werden immer schneller, immer kräftiger, die Tackles immer härter. Blöd nur, dass Knochen, Bänder und Gelenke nicht im Gleichschritt stabiler werden. Eine NFL-Karriere dauert durchschnittlich auch deswegen weniger als drei
Jahre. Tendenz: weiter sinkend. Zudem kommen auf NFL-Niveau in den letzten fünf Jahren im Schnitt 247,4 Gehirnerschütterungen pro Saison hinzu. Rechnet man das auf alle Partien in einer Saison um dann ergibt das fast eine Gehirnerschütterung pro Spiel.

Wohl auch aus diesen Gründen gehen die Zahlen der aktiven Highschool-Football-Spieler in den USA seit sechs Jahren teils deutlich zurück. Der Unterbau erodiert. 2014 postulierte der damalige US-Präsident Obama zudem, dass er, wenn er einen Sohn hätte, diesen sicherlich nie Football spielen lassen würde.
Und so sieht sich die NFL über kurz oder lang gezwungen noch ernsthafter als ohnehin schon gegen zumindest letztgenannten Trend vorzugehen. Warum Football aber gerade in Europa eine Wachstumssportart ist, das lesen sie morgen an dieser Stelle.