Warum Austria Lustenau einen finanziellen Drahtseilakt liefert

Sport / 04.07.2020 • 06:00 Uhr
Warum Austria Lustenau einen finanziellen Drahtseilakt liefert
Ein Blick hinter die Kulissen der Lustenauer Austria offenbart so manche Überraschung. Gepa

Austria Lustenau setzt auf Hilfe aus Frankreich, um wieder in die Spur zu kommen.

Lustenau Der Vorarlberger Traditionsverein Austria Lustenau bot im Laufe der Saison 2019/20 jede Menge Gesprächsstoff. Viel ist passiert in den letzten zwölf Monaten bei den Grünweißen – Negatives wie Positives. Die Tragweite der dünnen Finanzdecke macht die nun im Juni beim Firmenbuch eingereichte Bilanz deutlich – eine Gratwanderung. Zum Bilanzstichtag am 30. Juni des Vorjahres musste die Austria ein negatives Eigenkapital von 236.894,24 Euro melden – eigentlich droht Überschuldung. Und so bemühen sich die Verantwortlichen, eine möglichst positive wirtschaftliche Aussicht zu zeichnen. Im von den Austria-Verantwortlichen eingereichten Begründungstext ist aber auch die Rede davon, dass per 31. Dezember 2019 das Minus zwischenzeitlich 800.000 Euro betragen hatte. Die Ursachen sah man in der ungewöhnlich ausführlichen Begründung dafür in rückläufigen Erlösen aus TV-Geldern und ausgebliebene Transfereinnahmen.

Überleben dank Gönnergruppe

Dennoch konnte man die Liquidität aufrechterhalten, da Kredite von über 400.000 Euro zur Verfügung stehen. In der Saison 2019/20 habe man durch den Einzug in das ÖFB-Cupfinale an die 200.000 Euro lukrieren können, dazu kamen Einnahmen von 20.000 Euro aus dem Verkauf von virtuellen Tickets vor dem Cupfinale. Austrias Finanzchef Christoph Wirnsperger bestätigte den VN zum abgegebenen Bilanzbericht Ende Juni, „dass die Austria aktuell mit einer schwarzen Null bilanziert“, und der Verein aus seiner Sicht, „nicht in finanziellen Nöten ist“. Weitere Gründe für die schnelle finanzielle Genseung sieht der Fonds-Manager in Diensten der Austria in den Kadereinsparungen im Jänner 2020 und den einvernehmlichen Trennungen mit den beiden Cheftrainern Gernot Plassnegger und Roman Mählich. Der springende Punkt für eine positive Fortbestandsprognose des Klubs ist aber wohl die Haftungsübernahme durch eine Gönnergruppe aus dem Umfeld der Austria. Zudem erklärt Wirnsperger, „dass Corona natürlich auch Auswirkungen im Sponsorenbereich zeigte, wir aber den Betrieb, so wie er jetzt läuft, bis Jahresende aufrechterhalten können“. Die Wahrheit ist: So wie es derzeit sportlich um die Austria steht, sieht es auch wirtschaftlich aus.

Kwame Ofori kam zu 15 Spielminuten für Austria Lustenau. <span class="copyright">GEPA</span>
Kwame Ofori kam zu 15 Spielminuten für Austria Lustenau. GEPA

Im Gegenteil: Auf Anraten des Kooperationspartners verpflichtete die Austria im Sommer 2019 mit Kwame Ofori (20), Pagal Manda (20) und Damien Mwelwa (23) drei afrikanische Spieler. Gemeinsam kamen die Kicker bislang auf 15 Minuten Spielzeit in der Lustenauer Kampfmannschaft. Brisantes Detail: Spieler aus Nicht-EU-Staaten müssen in Österreich als Schlüsselarbeitskräfte gemeldet werden, dürfen dabei einen bestimmten Lohnbetrag nicht unterschreiten. In Summe liegen die Ausgaben des Vereins allein für diese Kicker pro Kalenderjahr bei rund 113.000 Euro. Aktuell steht man mit den Spielern, die noch über ein weiteres Jahr Vertrag verfügen, in Verhandlung bezüglich einer einvernehmlichen Trennung. Immerhin kam auch bei diesem Trio die Kurzarbeit zum Tragen, was der Austria finanziell geholfen hat. „Dieser Teil der Kooperation mit Schaefer ist unglücklich verlaufen. Trotzdem halten wir daran fest. Weil wir überzeugt sind, dass wir nicht nur sportlich, sondern auch in unserer zukünftigen Vereinsentwicklung profitieren werden“, erklärt Vorstandssprecher Bernd Bösch.

Geschäftsmodell

Er verweist darauf, dass bereits am 11. Juli drei Leihspieler aus Clermont präsentiert werden sollen. Deren Sold, wie auch für Schneider und Winter, wird Clermont bezahlen. Performen die Kicker gut, geht es zurück nach Frankreich, bei einem etwaigen weiteren Transfer wird die Austria prozentuell beteiligt (siehe Grafik). „Geht dieses Modell auf, sind alle Seiten glücklich. Zudem sehen wir in der Kooperation mit Schaefer eine große Chance für uns als Klub, uns noch besser zu positionieren. Wir haben somit sicher auch Möglichkeiten, unser Netzwerk auf professionellere Beine zu stellen“, unterstreicht Bösch nochmals die Absicht einer weiteren Zusammenarbeit mit Ahmet Schaefer.

Kooperationspartner Ahmet Schaefer inmitten der Vereinsverantwortlichen der Austria bei der Präsentation im Sommer 2019.<span class="copyright">Stiplovsek</span>
Kooperationspartner Ahmet Schaefer inmitten der Vereinsverantwortlichen der Austria bei der Präsentation im Sommer 2019.Stiplovsek

Kooperationspartner Schaefer selbst war für eine Stellungnahme aktuell nicht erreichbar, ließ aber über Sportkoordinator Schneider ausrichten, beim nächsten Besuch in Lustenau gerne für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Der Investor weilt derzeit in Dubai, feilscht um Ablösesummen für Clermont-Stürmer Adrian Grbic. Ein französischer Erstligist zeigt wohl Bereitschaft, sieben Millionen Euro für den ehemaligen Altach-Spieler hinzublättern, doch Schaefer will mehr.

VN-RIE/MKR