Begleiter durch die Pandemie

Sport / 16.05.2020 • 19:00 Uhr
Begleiter durch die Pandemie
Peter Haberl wird bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio zum zehnten Mal amerikanische Olympiaportler betreuen. KO

Sportpsychologe Peter Haberl führt amerikanische Olympiasportler aus der Coronakrise zurück in den Alltag.

Schwarzach Homeoffice statt Hongkong, Tokio, Singapur und Mexiko. Bei Peter Haberl, Sportpsychologe in Diensten des amerikanischen Olympischen Komitees, sind aufgrund der Covid19-Pandemie alle Pläne über den Haufen geworfen. Der 55-jährige Lustenauer führt seine Schützlinge von seinem Büro zu Hause in Colorado Springs durch die Coronakrise. „Ich bin täglich in Kontakt mit ihnen, kann vieles in Videokonferenzen erledigen. Aber in der psychologischen Arbeit sitzt man natürlich gerne den Sportlern gegenüber, um im Ausdruck Emotionen zu erkennen, das kann man aus der Stimme nicht.“

Teamgedanke muss leben

Haberl stand vor dem Lockdown in intensiver Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele in Tokio, betreut auf dem Weg zur zweiten Titelverteidigung das Damen-Wasserballteam und die Rugby-Frauenmannschaft. „Bei den Teamsportarten ist es wichtig, die Verbindung unter den Sportlern aufrechtzuerhalten. Wenn von heute auf morgen nichts mehr geht, ist Zusammenhalt gefragt. Verschwindet die Ziellinie, steht die mentale Gesundheit an erster Stelle. Es muss das Bewusstsein erhalten werden, dass es irgendwann und irgendwie weitergeht. Das Coronavirus ist für den Sport eine ordentliche Hürde geworden, die Begleitung benötigt.“

„Es muss das Bewusstsein erhalten werden, dass es irgendwann und irgendwie weitergeht.“

Peter Haberl, Sportpsychologe

Das Hauptquartier der amerikanischen Olympiasportler in Colorado Springs schloss Anfang März seine Pforten. Haberl erzählt: „Die Gesundheit hat oberste Priorität. Die Programme müssen, so gut es geht, von zu Hause aus fortgesetzt werden. Aber die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie es nach der Coronakrise weitergeht, ist für alle eine neue und spezielle Herausforderung.“ Ein Athlet, der sich Tokio 2020 als letzten Karrierehöhepunkt vorgenommen habe, stelle sich die Frage, ob er nochmals bereit ist, ein Jahr dranzuhängen. Der andere, der verletzt war oder das Olympialimit noch nicht erbracht hat, müsse den Reset-Knopf drücken, seine Pläne und Ziele neu aufstellen.

Mit der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, die Sommerspiele um ein Jahr zu verlegen, kehrten zumindest die Perspektiven für die Sportler wieder zurück. „Aber die Unsicherheit ist sehr groß“, weiß der Absolvent der Boston-Universität. „Wann kann wieder trainiert werden, wann gibt es Wettkämpfe?“ Es gelte jetzt, aus der Situation das Beste zu machen. In Amerika, so Haberl, gibt es derzeit noch keine Anzeichen, wie schnell der sportliche Alltag zurückkehrt. „Lediglich die Profisportarten wie Football oder Eishockey stellen Überlegungen und Pläne an, das Programm wieder hochzufahren.“

Konzentration das Wichtigste

Haberl hat aktuell nur Sommersportler unter seinen Fittichen, als Rolemodel bei seinen Vorträgen mit Spezialgebiet Achtsamkeitsmeditation nimmt er aber gerne Wintersportlerin Mikaela Shiffrin als Beispiel. „Ich kenne sie persönlich nicht. Aber in ihrer Beschreibung des zweiten Slalomdurchgangs bei den Winterspielen in Sotschi erklärt sie sehr gut ihr Erfolgsgeheimnis. Sie fuhr mit dem Gedanken ,Ich gewinne Gold‘. Das ist als Gedanke sehr angenehm, aber auf die Zukunft ausgerichtet. Obwohl er sehr viel Zuversicht ausdrückt, stört dieser Gedanke bei der Konzentration. Das beschreibt auch Shiffrin und legte dann den Fokus sofort wieder auf ihre Fahrt. Nicht der Gedanke ist im Wettkampf das Wichtigste, sondern die Konzentration. Das versuche ich auch meinen Athleten zu vermitteln.“

Warten in Wien

Haberls eigene Gedanken drehen sich derzeit oft um Österreich, sind bei seinen Eltern in Lustenau, besonders aber bei Tochter MeiLan in Wien. Die 19-Jährige spielte in dieser Saison in der Bundeshauptstadt Eishockey, kam auch mit dem Damennationalteam zu vier Einsätzen und blieb im Gegensatz zu ihren Kolleginnen während der Coronaviruskrise allein in der Wohngemeinschaft in Wien. Als Amerika die Grenzbalken herunterließ, sah die Haberl-Familie die Tochter in Österreich gut aufgehoben. „Wir wollen warten, bis sich die Lage beruhigt.“ Im Herbst geht es aber zurück in die USA, in Yale wird ein Studium der Psychologie oder Literatur ins Auge gefasst. Dafür geübt wurde in Wien: MeiLan verfasste für das Onlineportal Street-View-News einen Artikel über ihre Quarantäne in Europa.