Warum für Philipp Oswald die Zeit jetzt so wertvoll ist

Der 34-jährige Doppel-Spezialist spricht im VN.at-Interview über seine Rolle als Hausmann und seinen „Trainingspartner“
Feldkirch Eine „Babypause“ ist für Philipp Oswald die unerwartete Turnierpause aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Der 34-jährige Doppelspezialist und heuer schon Finalist in Auckland kann der Situation aber auch gute Seiten abgewinnen.
Wie ist Ihre aktuelle Gefühlslage?
Die aktuelle Situation ist schon ein wenig beängstigend und auch nicht gerade einfach. Man fühlt sich irgendwie als Passagier und weiß nicht, wann man endlich wieder bei der Normalität ankommt. Wobei ich doch hoffe, dass wir das Positive aus der Krise mitnehmen.
Können Sie der Situation auch Positives abgewinnen?
Neben den positiven Effekten wie Entschleunigung, Umweltregenerierung und Anti-Globalisierung wird mir in der Zwangspause auch immer klarer, wie privilegiert ich als Tennisspieler bin. Und natürlich vermisse ich es, jede Woche in einer anderen sehenswürdigen Stadt aufschlagen zu dürfen und den Lebensunterhalt mit meiner großen Leidenschaft, dem Tennis, zu verdienen.
Kann man als selbstständiger Profisportler auch in Kurzarbeit gehen?
Ich bin nirgends angestellt, sondern selbstständig und lebe von den Preisgeldern, die aktuell leider ausfallen. Ich kann dadurch auch bei niemandem Kurzarbeit anmelden. Die Verbände (Anm. d. Red.: ATP/Vereinigung der professionellen männlichen Tennisspieler und ITF/Internationaler Tennisverband) sind aktuell eher um die Existenz der kleineren Turniere besorgt als um die Spieler. Dafür habe ich grundsätzlich auch Verständnis, es betrifft uns ja auch direkt, wenn Turniere wegbrechen.

Haben Sie Existenzängste oder kommen in solchen Krisenzeiten auch Gedanken in Richtung Karriereende auf?
Nein, bis jetzt noch nicht. Als Profi-Sportler sollte man meines Erachtens eine solche Auszeit wie jetzt mit Corona verkraften können. Wenn ich verletzt bin, falle ich unter Umständen auch ein halbes oder ganzes Jahr mal aus. Und das interessiert dann niemanden. Jetzt sind ja alle betroffen. Das heißt, ich verpasse jetzt im Vergleich zu meinen Konkurrenten mal gar nichts. Irgendwann werden die Turniere ja dann wieder anfangen und meine Ziele haben sich jetzt mal durch die „Corona-Auszeit“ nicht verändert, nur terminlich verschoben. Es gibt noch ein paar Dinge für mich zu erledigen (schmunzelt), darum steht ein Karriereende noch nicht im Raum.
Gibt es schon Pläne oder Gedanken, was Sie nach Ihrer aktiven Laufbahn gerne machen würden
Es gibt noch keine konkreten Pläne. Ich habe mir da auch noch keine großen Gedanken darüber gemacht, sondern versuche meinen ganzen Fokus auf meine aktive Tenniskarriere zu richten. Ich liebe diesen Sport und sehe mich darum auch nach der aktiven Zeit mit Tennis in irgendeiner Form verbunden. Das „Tennis-Know-how“ ist auch mit Sicherheit meine beste Qualifikation und so wäre es schade, wenn ich das nicht weitergeben würde. Sollten alle Stricke reißen, dann bin ich der Hausmann und unterstütze meine Frau auf ihrem Weg zur Notarin (lacht).
Zur Person
Philipp Oswald
Für die Saison 2020 beim TC Kirchdorf in der Tennis-Bundesliga gemeldet.
Geboren 23. Jänner 1986 in Feldkirch
Grösse/Gewicht 201 cm/95 kg
Spielhand Rechts, einhändige Rückhand
Weltrangliste-Doppel 40
Preisgeld 1,1 Millionen US-Dollar
Erfolge 10 Doppel-Siege auf der ATP-Tour, zwei auf Hartplatz, acht auf Sand
Wie empfinden Sie die übermäßig viele Freizeit?
Einerseits sicher positiv, da ich aktuell viel Zeit für unseren Sohn Leopold habe. Normalerweise hätte ich ja aufgrund der Turnierteilnahmen diese Möglichkeit nicht. Diese Momente genieße ich natürlich sehr, obwohl der momentane Genuss auch ein bisschen später als täglich um sechs Uhr früh beginnen dürfte. Es ist schon beeindruckend, was bei einem Kind – Leopold ist knapp fünf Monate alt – täglich weiter geht. Ich bin dankbar dafür, derzeit zu 100 Prozent involviert zu sein. Diese wertvolle Zeit kann mir keiner mehr nehmen.
Wie sieht Ihr aktueller Tagesablauf aus?
Die Tagwache hat Leo übernommen, so zwischen 5.45 und 6.30 Uhr. Das ist der Startschuss für unser Papa-Sohn-Morgen-Programm. Um etwa neun Uhr gesellt sich dann die Mama zum Frühstück dazu. Generell sind die Mahlzeiten unsere Tageshighlights, weil wir alles selbst kochen. Dazwischen sind wir vormittags und nachmittags immer im Freien. Wir haben zum Glück einen Garten, wo ich Medizinbälle und Hanteln durch die Gegend schupsen kann. Jeden zweiten Tag gehe ich joggen, die anderen Tage Radfahren und eigentlich täglich Kinderwagen (schmunzelt). Ab und zu spiele ich Schattentennis im Garten, fühlt sich aber komisch an ohne Tennisball.
Wann sind Sie letztmals auf einem Tennisplatz gestanden?
Das war an dem Donnerstag kurz vor Verkündung der Ausgangsbeschränkungen. Am Freitag hätten wir ja theoretisch noch trainieren dürfen, aber da waren wir alle im Kopf nicht mehr beim Tennis und haben den Tennisplatz ohne einzigen Schlag in Richtung Büro verlassen, um bei einem Kaffee über die Situation zu diskutieren. Mittlerweile sehe ich mein Team nur noch via Videocall und kann ihnen nicht einmal zufällig über den Weg spazieren. Mein Tenniscoach Jogi Kretz ist Deutscher, mein Fitnesscoach Marc Schneider ebenfalls, mein Mentalcoach Christoph Hensch ist Schweizer und mein Doppelpartner Marcus Daniell ist sowieso am anderen Ende der Welt in Neuseeland.
Wann glauben Sie wird die Saison fortgesetzt?
Offiziell ist die Saison bis 13. Juli unterbrochen. Das wär aber ein „Best-case“- Szenario. Tennis ist eine Weltsportart und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Turniere wieder anfangen, bevor die Reisebeschränkungen gelockert werden. Diese Ungewissheit macht das limitierte Training noch schwieriger. VN-jd



